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Von großen Maschinen, gefährlichen Chemikalien und Sandburgen
Der Chemie.DE Jahresrückblick 2008
Dr. Björn Lippold, Chemie.DE Information Service GmbH, Eichenstraße 3A, 12435 Berlin
Das Jahr 2009 ist noch jung, daher bietet es sich an, noch einmal einen kurzen Blick zurück auf 2008 und markante Ereignisse für Wissenschaft und Wirtschaft zu werfen.
Schneller, höher, weiter
In vielen Jahresrückblicken für 2008 sind natürlich die Olympischen Spiele in Peking ein wichtiges Ereignis. Dass beim Wettkampf um Medaillen im Sport nicht immer mit fairen Mitteln gearbeitet wird, ist eine hinlänglich bekannte Tatsache. Die Suche nach Dopingsündern mit modernen analytischen Methoden wie der Chromatographie ist jedoch noch eine relativ junge Disziplin [1]. Während Analytiker immer neue Methoden entwickeln, um Doping nachzuweisen, schläft auch die Gegenseite nicht, und so ist das so genannte Gen-Doping ein neuer Trend, um Sportlern zu zusätzlichen Leistungen zu verhelfen [2].
Kollisionen für die Wissenschaft
Für die Wissenschaftswelt fand das Großereignis 2008 jedoch nicht in Peking, sondern in Genf statt, wo ein Messgerät der Superlative eingeweiht wurde. Für die einen ist es die größte Maschine der Welt, für die anderen eine Weltuntergangsmaschine: Am Large Hadron Collider (LHC) schieden sich die Geister, doch letztlich konnten sich die Kritiker, die die Entstehung von Schwarzen Löchern durch den Teilbeschleuniger fürchteten, nicht durchsetzen [3]. Im September wurde der LHC zunächst überraschend reibungslos gestartet [4], doch bereits kurze Zeit später gab es Probleme, die eine Abschaltung erforderten und einen Neustart des Teilchenbeschleunigers erst für Sommer 2009 erwarten lassen [5].
Auf PICO, das stärkste Elektronenmikroskop der Welt mit einer Auflösung von 50 Pikometern, wird die Wissenschaftswelt sogar noch bis voraussichtlich 2010 warten müssen. Der Neubau des Ernst Ruska Centrums der RWTH Aachen und des Forschungszentrums Jülich ist aber bereits beschlossene Sache [6].
REACH kommt
Einschneidender als der LHC waren für die chemische Industrie 2008 wieder fünf Buchstaben: REACH. Am 1. Dezember lief die Vorregistrierungsfrist ab. Während am Anfang des Jahres noch darüber diskutiert wurde, dass die Industrie die Bedeutung von REACH und der Vorregistrierung unterschätzt [7], ging es beim Endspurt kurz vor dem Terminende eher um technische Probleme und Schwierigkeiten [8]. Durch die schiere Zahl an Substanzen war das IT-System der ECHA zeitweise überlastet, da einzelne Großunternehmen wie die BASF allein schon 40.000 Substanzen vorregistrieren ließen [9].
Im Vergleich zur Zahl der in der CAS Registry verzeichneten Substanzen ist allerdings auch diese Zahl sehr gering, denn im November konnte die CAS die Erfassung der 40-millionsten Substanz vermelden [10].
Das Gute der Milch?
Für die Verbraucher rückte vor allem eine Chemikalie ins Interesse: Melamin. Zunächst tauchte die in der Kunststoffindustrie verwendete Substanz in Milch und Milchpulver chinesischer Herkunft auf, wo sie regulären analytischen Methoden einen höheren Proteingehalt vorgaukeln sollte [11]. Schrittweise weitete sich dieser Lebensmittelskandal bald auch auf Eier [12] und sogar Lebkuchen aus [13].
Unterricht mit Knalleffekt
Außerdem wurde im August eine Chemikalie „wiederentdeckt“. Nach einem ersten Fund von falsch gelagerter Pikrinsäure an einer nordrhein-westfälischen Schule, mussten Feuerwehr, Kampfmittelräumdienst und LKA auf einmal für einige Wochen fast schon regelmäßig wegen dieses Explosivstoffs ausrücken [14]. Aufgeschreckt durch den ersten Fall wurde die eigentlich als Färbemittel für die Mikroskopie vorgesehene Chemikalie an mehreren Schulen aufwendig entsorgt.
Hola Quimica
Um einen größeren Nutzerkreis mit aktuellen Meldungen versorgen zu können, startete Chemie.DE für die Chemie-, Pharma und Biotech-Branche im spanischen Sprachraum im September das Branchenportal Quimica.ES. Mit dem neuen Wissenschafts- und Wirtschaftsportal richtete Chemie.DE sich mit einem Angebot an Nachrichten, Fach- und Produktinformationen für die Branche erstmalig gezielt an spanischsprachige Internetnutzer [15] [16].
Kaufen, kaufen, kaufen...
Natürlich war 2008 auch ein Jahr mit Übernahmen innerhalb der Chemiebranche [17].
Die BASF, die sich zu Beginn des Jahres gerade frisch in eine europäische Gesellschaft gewandelt hatte [18], startete 2008 weitere Zukäufe. So konnte das Unternehmen den Spezialchemikalienkonzern Ciba übernehmen [19] [20] [21], während das Kaufangebot für Rohm and Haas allerdings scheiterte [22].
Währenddessen initiierte die Milliardärin Susanne Klatten als Haupteignerin die Übernahme der restlichen Aktien der Altana AG und konnte so ihren Anteil am Unternehmen erhöhen, auch wenn die vollständige Übernahme vorerst nicht gelang [23].
...und die Krise
Gegen Ende des Jahres erreichte dann jedoch die Investmentkrise auch die Chemiebranche mit der Folge, dass die Großkonzerne ihre Produktion einschränken mussten. So stellte die BASF vorerst 80 Anlagen außer Betrieb [24], während Bayer und Lanxess für ungefähr ein Drittel der deutschen Betriebe die Produktion herunterfahren mussten [25].
Fragen um Stammzellen
In der Biotech-Branche wurden 2008 weitere wissenschaftliche Erfolge erzielt und ethischen Fragen aufgeworfen.
Amerikanische Wissenschaftler konnten nach eigenen Angaben erstmal einen menschlichen Embryo aus einer Körperzelle klonen [26]. Was für die einen ein wissenschaftlicher Durchbruch war, stellte für andere jedoch ein ethisches Dilemma dar [27]. Unterdessen widmete sich das Europäische Patentamt der Frage nach der Patentierbarkeit embryonaler Stammzellen [
28] und lehnte schließlich nach einem langjährigen Verfahren den ensprechenden Antrag ab [29]. Das britische Parlament hingegen lockerte weiter die Gesetze und erlaubt so nun die Herstellung von Tier- Mensch-Chimären [30].
Stammzellen blieben auch 2008 ein wichtiges Thema mit vielen Fortschritten [31] – nicht nur für Hirsche [32].
Wein, Wasser und Sand
Doch auch Alltagsfragen konnte sich 2008 die Wissenschaft widmen.
Für Chemiker blieb der Wein weiterhin ein beliebtes Thema. Die Frage, ob Mensch oder Maschine besser geeignet ist, einen Wein zu identifizieren, wurde neu beantwortet, da Wissenschaftler eine elektronische Zunge entwickelten, die Rebsorten und Jahrgänge herausschmecken können soll [33]. Auch beim Mineralwasser ging es 2008 um den Geschmack und die Frage, was die Ursache für das „Sonnenlichtaroma“ ist [34].
Und schließlich wird mittels Röntgen-Mikrotomographie nun auch erstmals die Frage geklärt, warum Menschen Sandburgen bauen können [35].
Welche Themen die Leser von Chemie.DE und Bionity.COM 2008 noch interessierten, finden Sie hier: [36] und [37].
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