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„Grüne“ Energie aus Algen
“Algenplattform” am KIT entwickelt effiziente Photoreaktoren und neuartige Methoden für den Zellaufschluss
13.07.2009: Angesichts der Verknappung petrochemischer Rohstoffe und
des Klimawandels ist die Entwicklung CO2-neutraler nachhaltiger
Brennstoffe eine der drängendsten Herausforderungen
unserer Zeit. Energiepflanzen wie Raps oder Ölpalme sind wegen
der Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion in die Diskussion
geraten. Einen wichtigen Beitrag für die Energieversorgung
von morgen könnte daher die Kultivierung von Mikroalgen
bieten. Um diese energetisch nutzen zu können, entwickeln
Wissenschaftler am KIT geschlossene Photoreaktoren
und neue Verfahren für den Zellaufschluss.
Mikroalgen sind einzellige, pflanzenartige Organismen, die Photosynthese
betreiben und Kohlendioxid (CO2) in Biomasse umwandeln.
Aus dieser Biomasse lassen sich sowohl Wert- und Wirkstoffe,
als auch Energieträger wie Biodiesel gewinnen. Da Algen bei ihrem
Wachstum zuerst die Menge an CO2 aufnehmen, die sie später bei
der energetischen Nutzung wieder freisetzen, lässt sich Energie aus Algen im Gegensatz zu konventionellen Energieträgern CO2-neutral
gewinnen.
Neben der Chance der CO2-neutralen Kreislaufwirtschaft, haben die
Algen noch einen weiteren Vorteil: Industrielle CO2-Emissionen lassen
sich als „Rohstoff“ nutzen, da Algen bei hohen Kohlendioxid-
Konzentrationen schneller wachsen und damit mehr energetisch
nutzbare Biomasse produzieren.
Dies ist jedoch nicht ihr einziger Pluspunkt: „Verglichen mit Landpflanzen
produzieren Algen bis zu fünfmal so viel Biomasse pro
Hektar und enthalten 30 bis 40 Prozent energetisch nutzbare Öle“,
sagt Professor Clemens Posten, der diese Forschung am Institut für
Bio- und Lebensmitteltechnik am KIT leitet. Da sich Algen auch in
ariden, also trockenen Gegenden kultivieren lassen, die sich für den
Landbau nicht eignen, bestehe kaum Konkurrenz zu den Agrarflächen.
Dazu sind dort jedoch geschlossene Systeme notwendig.
Gegenwärtig werden Algen in offenen Becken in südlichen Ländern
mit relativ geringer Produktivität produziert. Genau hier setzt Postens
neue Technologie an. „Wir gehen verfahrenstechnisch ganz
anders heran und arbeiten mit geschlossenen Photo-Bioreaktoren“,
so der Wissenschaftler. „Unsere Anlagen wandeln Sonnenenergie
mit fünffach höherem Wirkungsgrad in Biomasse um als offene Becken.“
Die Plattenreaktoren stehen dabei senkrecht, ähnlich wie
Photovoltaikzellen. „So sieht jede Alge ein bisschen weniger Licht,
die Anlage arbeitet dafür aber mit höherem Wirkunggsgrad“, betont
der Biologe und Elektrotechniker.
Die Algenproduktion funktioniert daher nicht nur in Ländern mit extrem
hoher Sonneneinstrahlung. Die meisten Algen benötigen maximal
zehn Prozent des ankommenden Sonnenlichts. Der Rest werde
einfach verschwendet, falls man nicht ein optimales Lichtmanagement
im Photo-Bioreaktor habe, so der Wissenschaftler Posten.
Denn in der Sahara gebe es gerade mal doppelt so viel Sonne wie
bei uns, dafür müsse man dort aber den Reaktorinhalt kühlen. Weitere
Vorteile des geschlossenen Systems sind drastische Ersparnisse
an Wasser und Düngemitteln. Dabei ist auch eine Doppelnutzung
zur Produktion von Lebensmitteln oder Feinchemikalien aus den
Algen und der anschließenden energetischen Verwertung der Restbiomasse
denkbar.
An Postens Institut ist eine der beiden Arbeitsgruppen des KIT angesiedelt,
die intensiv auf dem Gebiet der Algen-Biotechnologie
forschen. „Bei der Entwicklung von Photo-Bioreaktoren gehören wir
mittlerweile zu den drei Standorten weltweit, in denen man in der
Verfahrenstechnik, und nicht nur in der Biologie, deutlich vorankommt“,
sagt Posten.
Wo sein Forschungsgebiet am Campus Süd des KIT aufhört, setzt
die Abteilung Hochleistungsimpulstechnik am Institut für Hochleistungsimpuls-
und Mikrowellentechnik am KIT-Campus Nord an. Hier
geht es darum, mittels Elektroimpulsbehandlung der Algenbiomasse
die wertvollen Inhaltsstoffe zu entlocken. Bisher hat Dr. Georg Müller,
der die Abteilung leitet, zusammen mit Partnern aus Forschung
und Industrie den Aufschluss von Pflanzenzellen wie Oliven, Weintrauben,
Äpfeln, Zuckerrüben und terrestrischen Energiepflanzen
erforscht und teilweise großtechnisch umgesetzt. „Unser Ziel ist es,
neue wirtschaftliche und nachhaltige Extraktionsverfahren zu entwickeln,
um möglichst viel energetisch nutzbare Zellinhalte aus den
Algen zu erhalten“, sagt Müller. „Bei unserem Verfahren werden
Pflanzenzellen für sehr kurze Zeit einem hohen elektrischen Feld
ausgesetzt. Dies führt zur Perforierung der Zellmembran und Freisetzung
von Inhaltsstoffen“.
Die Kooperation der beiden Arbeitsgruppen soll nun das vorhandene
Know-how bündeln und nutzt dazu eine Anschubfinanzierung
des KIT-Zentrums Energie. Geplant ist der Aufbau einer KIT-
„Algenplattform“ für die energetische Nutzung von Mikroalgen. Mittelfristig
sollen hierfür auf dem Campus Nord des KIT Pilot- und
Demonstrationsanlagen entstehen unter Nutzung der räumlichen
und infrastrukturellen Vorteile. „Damit knüpfen wir einen wichtigen
Knoten in der momentan rapide ablaufenden Vernetzung in der
Algenbiotechnologie“, so Posten. Um die Energiegewinnung aus
Algen wirtschaftlich zu machen, wird es darum gehen, die Investitions-
und Betriebskosten für Photo-Bioreaktoren gering zu halten
und gleichzeitig hocheffiziente Verfahren zur Ernte und für den Aufschluss
der Algen zu entwickeln.
Um den Kreislauf zur vollständigen energetischen Nutzung der Algenbiomasse
zu schließen, gehen die KIT-Forscher noch einen
Schritt weiter. Die nach der Extraktion verbleibende Biomasse (60-
70 Prozent) soll durch das am Campus Nord entwickelte Verfahren
der hydrothermalen Vergasung in weitere Energieträger wie Wasserstoff
oder Methan umgewandelt werden.
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