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16.09.2009: Atome haben die Angewohnheit, durch Festkörper zu springen - das konnten
Physiker jetzt erstmals mit einer neuen Methode beobachten. Möglich war
dies durch die Nutzung von Röntgenquellen neuester Bauart, sogenannter
Elektronen-Synchrotrons. Die Details des vom Wissenschaftsfonds FWF
unterstützten Projektes wurden kürzlich im Fachmagazin Nature Materials veröffentlicht. Die vorliegende Arbeit eröffnet neue Wege für die
Erforschung der Alterungsprozesse von Werkstoffen auf atomarer Ebene.
In Festkörpern geht es mitunter "wild" zu. So wechseln beispielsweise in
einem Goldring pro Sekunde bisweilen Milliarden von Atomen ihre Position.
Das häufige Herumspringen der Atome spielt sich dabei nicht nur für Laien im
Verborgenen ab. Auch den Physikern entzog sich dieser Vorgang lange der
tatsächlichen Beobachtung. Genug Ansporn, dies zu ändern, hatten die
Wissenschafter aber auf jeden Fall: Denn die Ruhelosigkeit der Atome
ist für das Altern - und damit den Verlust bestimmter Eigenschaften von
Werkstoffen verantwortlich.
Das Wissen um die Bewegung der Atome hat sich nun entscheidend vertieft: Ein
Forscherteam der Fakultät für Physik an der Universität Wien konnte die
Atome erstmals beim Springen durch einen Festkörper direkt verfolgen.
Modernste Technologie in Form des europäischen Elektronen-Synchrotrons ESRF
in Grenoble, Frankreich, das die Erzeugung spezieller Röntgenstrahlen von
extrem hoher Intensität und Qualität ermöglicht, war dazu notwendig. Diese
Röntgenstrahlen - die derzeit weltweit in nur drei Forschungsanlagen
produziert werden können - ermöglichten den Forschern die Beobachtung
der Wanderung der Atome in einer Kupfer-Gold-Legierung.
Sprungrate verdoppelt
Im Detail fanden die Wissenschafter heraus, wie weit und in welche
Richtung die Atome springen, und wie dies durch die Temperatur beeinflusst
wird. Projektmitarbeiter Mag. Michael Leitner dazu: "Unsere Untersuchungen
haben gezeigt, dass Atome bei einer Temperatur von 270 Grad Celsius etwa
einmal in der Stunde ihren Platz im Kristallgitter wechseln. Aber nicht nur
das: Denn steigert man die Temperatur um 10 Grad Celsius, so verdoppelt sich
die Sprungrate der Atome. Umgekehrt funktioniert das Ganze natürlich
genauso. Wird es um 10 Grad kühler, dann springen die Atome nur halb so
oft."
Auf der Grundlage des nun durchgeführten Experiments soll in Zukunft auch
die Messung atomarer Bewegung in vielen, auch technisch wichtigen
metallischen Systemen möglich sein. Damit ist die Basis geschaffen, um
Alterungsprozesse von Werkstoffen verstehen zu können, die von der inneren
Unruhe der Atome maßgeblich beeinflusst werden: So beruht beispielweise die
Festigkeit von Automotoren oder die Funktionsweise von Computern darauf,
dass deren Fremdatomen unter kontrollierten Produktionsbedingungen bei
zumeist hohen Temperaturen ein bestimmter Platz zugewiesen wird. Leider
tendieren die Atome aber auch dazu, bei hohen Temperaturen schnell wieder
die ihnen "zugewiesenen" Plätze zu verlassen - und die Werkstoffe verlieren
ihre erwünschten Eigenschaften.
Der Weg ist das Ziel
Abgesehen von den Erkenntnissen des Experiments rund um die springenden
Atome ist auch dessen Realisierung spektakulär. Denn erst durch den
ausgeklügelten Einsatz verschiedener Filter konnten dem Synchrotron
spezielle, als "kohärent" bezeichnete, Röntgenstrahlen entlockt werden.
Allein dies bedeutet bereits einen enormen Fortschritt für das
Forschungsgebiet des Wiener Physikerteams. Mag. Leitner dazu: "Derzeit wird
daran gearbeitet, die Qualität der Röntgenstrahlen noch weiter zu erhöhen.
So wird beispielsweise gerade in Hamburg der europäische Röntgenlaser XFEL
gebaut. Dieser Laser wird wieder neue Möglichkeiten bieten, auf die wir uns
bereits freuen."
Der geplante Einsatzbereich des europäischen Röntgenlasers geht dabei über
die Untersuchung diverser Materialien weit hinaus. So soll er auch für die
Aufklärung von Strukturen lebenswichtiger Substanzen, wie etwa von
Proteinen, herangezogen werden können. Noch steckt die Nutzung der
"kohärenten" Röntgenstrahlen in den Kinderschuhen - das vom FWF unterstützte
Projekt ist jedoch bereits ein erster, wichtiger Schritt hin zu deren
universeller Anwendung unter führender Teilnahme österreichischer
Wissenschafter.
Originalveröffentlichung:M. Leitner, B. Sepiol, L. Stadler, B. Pfau & G. Vogl; "Atomic diffusion studied with coherent X-rays"; Nature Materials 2009, 8, 717720
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