Nees-Institut der Universität BonnSalvinia-Effekt: Wassertropfen perlen auf dem Schwimmfarnblatt ab.
05.05.2010: Eine unscheinbare Pflanze könnte bald Karriere als Klimaretter
machen: Die Oberflächenhaare des Schwimmfarns sollen Schiffen
zu einem zehn Prozent geringeren Kraftstoffverbrauch verhelfen.
Die Pflanze hat die seltene Gabe, sich unter Wasser in
ein hauchdünnes Kleid aus Luft zu hüllen und dieses monatelang
festzuhalten. Forscher der Universitäten Bonn, Karlsruhe
und Rostock haben nun aufgeklärt, wie der Farn das macht.
Ihre Ergebnisse lassen sich vielleicht zur Konstruktion neuartiger
Schiffsrümpfe nutzen, die in einer Hülle aus Luft durch das
Wasser gleiten. Derartige Schiffe kämen aufgrund der verringerten
Reibung mit deutlich weniger Treibstoff aus. Die Forscher
stellen ihre Studie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift
„Advanced Materials“ vor.
Der Schwimmfarn Salvinia molesta ist extrem wasserscheu: Taucht
man ihn unter und zieht ihn danach wieder heraus, perlt die Flüssigkeit
sofort von ihm ab. Danach ist er wieder komplett trocken. Oder
richtiger: Er war nie wirklich nass. Denn unter Wasser hüllt sich der
Farn in ein hauchdünnes Kleid aus Luft. Diese Schicht verhindert, dass die Pflanze mit Flüssigkeit in Kontakt kommt. Und das selbst
bei einem wochenlangen Tauchgang.
Materialforscher nennen dieses Verhalten „superhydrophob“. Diese
Eigenschaft ist für viele Anwendungen von Interesse - etwa für
schnell trocknende Bademode oder eben Sprit sparende Schiffe. Es
ist inzwischen möglich, superhydrophobe Oberflächen nach dem
Vorbild der Natur zu konstruieren. Diese „Nachbauten“ haben aber
einen Nachteil: Die Luftschicht, die sich auf ihnen bildet, ist zu instabil.
In bewegtem Wasser verschwindet sie spätestens nach einigen
Stunden.
Die Forscher aus Bonn, Rostock und Karlsruhe haben nun enträtselt,
mit welchem Trick der Schwimmfarn sein luftiges Kleidchen
festhält. Schon seit einigen Jahren ist bekannt, dass auf der Oberfläche
seiner Blätter winzigkleine schneebesenartige Härchen sitzen.
Diese sind hydrophob: Sie halten das Wasser in der Umgebung
auf Distanz.
Wasser wird „festgetackert“
Das ist aber nur eine Seite der Medaille: „Wir haben zeigen können,
dass die äußersten Spitzen dieser Schneebesen hydrophil sind, also
wasserliebend“, erklärt Professor Dr. Wilhelm Barthlott von der Uni
Bonn. „Sie tauchen in die umgebende Flüssigkeit ein und ‚tackern’
das Wasser gewissermaßen in regelmäßigen Abständen auf der
Pflanze fest. Die darunter sitzende Luftschicht kann daher nicht so
leicht entweichen.“
Barthlott leitet in Bonn das Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen.
Dort nahmen die Untersuchungen ihren Anfang, die heute zusammen
mit dem Lehrstuhl für Strömungsmechanik der Universität
Rostock und dem Institut für Angewandte Physik der Universität
Karlsruhe weitergeführt werden. „Nach Aufklärung der Selbstreinigung
durch das Lotus-Blatt vor zwanzig Jahren ist die Entdeckung
des Salvinia-Effektes eine der wichtigsten neuen Erkenntnisse in der
Bionik“, sagt Professor Dr. Thomas Schimmel von der Universität
Karlsruhe.
Weltweite Kraftstoffersparnis: ein Prozent
Und zwar eine mit gewaltigem technischen Potenzial: Bislang geht
bei Containerschiffen mehr als die Hälfte der Antriebsenergie durch
Reibung des Wassers am Rumpf verloren. Mit einer Luftschicht
ließe sich dieser Verlust nach Schätzung der Forscher um zehn
Prozent reduzieren. Da Schiffe riesige Spritschlucker sind, wäre der Gesamteffekt enorm. „Man könnte so wahrscheinlich ein Prozent
des weltweiten Gesamtverbrauchs an Treibstoff einsparen“, prognostiziert
Professor Barthlott. „Oberflächen nach dem Vorbild des
Schwimmfarns könnten den Schiffsbau revolutionieren“, meint auch
Dr. Martin Brede von der Universität Rostock.
Lotus und der Schwimmfarn Salvinia sind nur zwei von vielleicht
zwanzig Millionen Arten, die unseren Erdball bevölkern. Sie alle
haben ihre Geheimnisse, an deren Entschleierung man in Bonn,
Rostock und Karlsruhe arbeitet.