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26.07.2010: In Nature berichten Forscher der Empa und des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung, wie es ihnen erstmals gelungen ist, mit einer einfachen chemischen
Methode wenige Nanometer breite Bänder aus Graphen auf Oberflächen wachsen zu lassen.
Graphenbänder gelten als «heiße Kandidaten» für künftige Elektronikanwendungen, da sich - je
nach Breite und Randform - ihre Eigenschaften einstellen lassen.
Transistoren auf Graphenbasis gelten als mögliche Nachfolger für die heute gebräuchlichen Bauteile aus
Silizium. Bestehend aus zweidimensionalen Kohlenstoffschichten besitzt Graphen etliche herausragende
Eigenschaften: Es ist nicht nur härter als Diamant, extrem reißfest und undurchlässig für Gase, sondern
auch ein ausgezeichneter elektrischer und thermischer Leiter. Weil Graphen allerdings ein Halbmetall ist,
besitzt es - im Gegensatz zu Silizium - keine elektronische Bandlücke und somit keine Schalteigenschaften
- DIE Hauptvoraussetzung für Elektronik-Anwendungen. Forscher der Empa und des Max-Planck-Instituts
für Polymerforschung in Mainz sowie der ETH Zürich und der Universitäten Zürich und Bern entwickelten
deshalb ein neues Verfahren, um Graphenbänder mit Bandlücken herzuzustellen.
Graphenbänder im Nanometermaßstab
Bis anhin wurden Bänder aus größeren Graphenschichten «geschnitten», etwa so wie Tagliatelle aus
einem Pastateig. Oder Kohlenstoffnanoröhrchen wurden der Länge nach aufgetrennt. In den Bändern
entsteht dadurch über einen quantenmechanischen Effekt eine Bandlücke - ein Energiebereich, in dem sich
keine Elektronen befinden können und der die physikalischen Eigenschaften wie etwa die Schaltfähigkeit
bestimmt. Breite (und Randform) des Graphenbandes bestimmen die Größe der Bandlücke und
beeinflussen dadurch die Eigenschaften eines daraus konstruierten Bauteils.
Falls sich Graphenbänder nun extrem schmal - deutlich unter zehn Nanometer - und noch dazu mit wohl
definierten Rändern herstellen liessen, so die Idee, dann könnten daraus Bauteile mit maßgeschneiderten
optischen und elektronischen Eigenschaften resultieren: Je nach Bedarf kann über die Manipulation der
Bandlücke die Schalteigenschaft eines Transistors eingestellt werden. Alles andere als trivial, denn die bis
jetzt dafür verwendeten lithografische Methoden, etwa zum Schneiden, stossen hier an fundamentale
Grenzen; sie liefern zu breite Bänder mit diffusen Rändern.
Graphenbänder wachsen lassen
In der «Nature»-Ausgabe vom 22. Juli 2010 beschreiben die Forscher um Roman Fasel, Senior Scientist an
der Empa und Professor für Chemie und Biochemie an der Universität Bern, und Klaus Müllen, Direktor am
Max-Planck-Institut für Polymerforschung, eine einfache oberflächenchemische Methode, mit der sich derart
schmale Bänder ganz ohne zu schneiden herstellen lassen - also «bottom-up», aus den Grundbausteinen.
Dazu brachten sie unter Ultrahochvakuumbedingungen auf Gold- oder Silberoberflächen spezielle, an
«strategisch» wichtigen Positionen halogensubstituierte Monomere auf, die sich in einem ersten
Reaktionsschritt zu Polyphenylenketten verbanden.
In einem zweiten, durch stärkeres Erhitzen eingeleiteten Reaktionsschritt, in dem Wasserstoffatome
entzogen wurden, koppelten die Ketten zu einem planaren, aromatischen Graphensystem. So entstanden
atomar dünne Graphenbänder von einem Nanometer Breite und einer Länge bis zu 50 Nanometer. Damit
sind die Graphenbänder so schmal, dass sie eine elektronische Bandlücke aufweisen und nun wie Silizium
Schalteigenschaften besitzen – ein erster, wichtiger Schritt für den Wechsel von der Silizium-Mikro- zur
Graphen-Nano-Elektronik. Doch damit nicht genug: Je nachdem, welche Monomere die Forscher
verwendeten, bildeten sich Graphenbänder mit unterschiedlicher räumlicher Struktur - entweder gradlinige
oder zickzackförmige.
Untersuchungen zu weiteren Eigenschaften
Da die Forscher nun Graphenbänder (fast) nach Belieben herstellen können, möchten sie als nächstes
untersuchen, wie sich etwa die magnetischen Eigenschaften der Graphenbänder in Abhängigkeit von den
verschiedenartigen Rändern beeinflussen lassen. Die oberflächenchemische Methode eröffnet aber auch
interessante Perspektiven hinsichtlich der gezielten Dotierung von Graphenbändern: Die Verwendung von
Monomerbausteinen mit Stickstoff- oder Boratomen an genau definierten Positionen oder von Monomeren
mit zusätzlichen funktionellen Gruppen müsste die Herstellung positiv und negativ dotierter Graphenbänder
ermöglichen.
Auch eine Kombination verschiedenartiger Monomere ist möglich und könnte beispielsweise die Herstellung
so genannter Heteroübergänge erlauben - Schnittstellen zwischen verschiedenartigen Graphenbändern,
etwa mit kleiner und grosser Bandlücke -, die in Solarzellen oder Höchstfrequenzbauelementen zum Einsatz
kommen könnten. Dass das zugrunde liegende Bauprinzip auch hierfür funktioniert, haben die Forscher
bereits bewiesen: Mit zwei passenden Monomere haben sie mit einem Knotenpunkt drei Graphenbänder
miteinander verknüpft.
Bis anhin konzentrierten sich die Forscher auf Graphenbänder auf Metalloberflächen. Damit die
Graphenbänder allerdings für die Elektronik genutzt werden können, müssen diese auf Halbleiteroberflächen
hergestellt oder Methoden entwickelt werden, um die Bänder von Metall- auf Halbleiteroberflächen zu
übertragen. Und auch hierfür stimmen erste Ergebnisse die Forscher bereits zuversichtlich.
Originalveröffentlichung:«Atomically precise bottom-up fabrication of graphene nanoribbons», J. Cai, P. Ruffieux, R. Jaafar, M. Bieri, T. Braun, S. Blankenburg, M. Muoth, A.P. Seitsonen, M. Saleh, X. Feng, K. Müllen, R. Fasel; Nature, 22 July 2010, Vol. 466, No. 7305, pp 470-473
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