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Smarte Laborgeräte und die Relevanz von Anwenderbedürfnissen

Feststellungen zum Gerätemarkt aus Sicht des nutzerorientierten Designs

M.A. Christopher Heider, M.A. Vicky Müller, B.Sc. Adrian Reininger

Viele Laborgerätehersteller vollziehen gerade einen Wandel mit weit reichenden Folgen für die Zukunft ihres Unternehmens: Sie schließen sich der digitalen Revolution an. Das betrifft ihre betrieblichen Abläufe und Fertigungsverfahren, aber auch das Angebot ihrer technischen Produkte. Das bestehende Sortiment kann optimiert, neue Ideen können entwickelt und umgesetzt werden. Somit betrifft der digitale Wandel auch die Geschäftskunden, und es stellt sich eine Frage von besonderer Relevanz: Was sind die Bedürfnisse der Anwender?

Dieser Frage sind viele Unternehmen schon vor der digitalen Revolution nachgegangen und stehen im intensiven Austausch mit ihren Kunden, um deren Wünsche und Ideen in Erfahrung zu bringen. Aktuell bestätigt sich dabei eine Annahme, die dem Zeitgeist entspricht: Anwender äußern einen Bedarf an moderner, digitaler Technik. Sie fordern Touchscreens und begeistern sich für Steuer- und Kontrollfunktionen per Smartphone. Bei vielen Geräten ist auf Fachmessen zu beobachten, dass diesen Wünschen nachgekommen wird, selbst wenn andere Lösungen offensichtlich kostengünstiger zu einem vergleichbaren Ergebnis geführt hätten. In solchen Fällen bestätigt eine Nachfrage beim Anbieter, dass so dem Wunsch der Kunden entsprochen werden soll. Es lohnt sich zu hinterfragen, wieso Kunden diese Forderungen stellen.

Eine alte Vertriebsweisheit sagt: „Der Kunde braucht keinen Bohrer, er braucht ein Loch in der Wand.“ Oft sehen Unternehmen digitale Lösungen aufgrund ihrer Neuheit als das sprichwörtliche Loch, bieten aber letztlich nur eine neue Bohrmaschine an. Wenn der Kunde nach einem Touchscreen fragt, interessiert er sich für den Komfort, den er mit dieser Technik assoziiert. In seinem persönlichen Alltag hat er gelernt, dass es möglich ist, sich leicht verständlich den Weg erklären zu lassen, den regionalen Wetterbericht mit gut aufbereiteter Prognose abzufragen, an Termine erinnert zu werden und vieles mehr. Diese angenehmen Eigenschaften sammeln sich hinter der Anzeige seines Smartphones. Hier weiß er, was er mit einem Fingerdruck erreichen kann. Es überrascht nicht, dass der Nutzer mit diesem Komfort einer einfachen Handbewegung auch gerne seine beruflichen Aufgaben bewältigen möchte. Den Service gut gestalteter Anwendungen verknüpft er geistig mit ihrer Darstellungsfläche, dem Touchscreen. Entscheidend ist nicht die drückbare Fläche, sondern was sie bewirkt.

Die Digitalisierung bietet den Unternehmern mehrere Möglichkeiten, dem wahren Nutzerwunsch nach einer verständlichen, angenehmen Anwendung nachzukommen. Bekannte Mittel aus dem Umfeld des Anwenders zu nutzen ist vernünftig, denn auf bereits erlerntes Wissen aufzubauen, erspart dem Nutzer Einarbeitungszeit. Es gilt abzuwägen, ob für ein Produkt die Kenntnis von drucksensiblen Bildschirmen allein schon ausreicht. Das ist nur selten der Fall, denn welche Optionen bietet diese technische Möglichkeit an? Hier muss die Komplexität des Angebots genau betrachtet werden. Grundlegend lässt sich ein Produkt in seine Primär- und Sekundäraufgaben unterteilen. Primäraufgaben von Produkten sind der eigentliche Zweck, für den sie produziert werden. Sekundäraufgaben unterstützen die Primäraufgaben durch besondere Optionen. Produkte, die ihre Primäraufgaben analog lösen, auf eine digitale Lösung umzurüsten ist interessant, da sich dadurch neue Möglichkeiten für die Einbindung von Sekundäraufgaben eröffnen.

Um die Thematik an einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen: Der Markt für Laborgeräte bietet eine Auswahl verschiedener digitaler Magnetrührer an. Die Primäraufgabe dieses Gerätes ist es, eine Flüssigkeit zu durchmischen, die sich in einem Glas auf dem Gerät befindet. Dies geschieht, indem der Magnetrührer ein Stäbchen innerhalb der Flüssigkeit mittels eines Magneten in eine Rotationsbewegung versetzt. Die relevanten Funktionen des Produktes sind, es ein- und auszuschalten sowie die Rotationsgeschwindigkeit des Stäbchens zu erhöhen oder zu senken. In vielen Fällen wird das Gerät um weitere Primäraufgaben ergänzt, wie beispielsweise das Zuführen von Hitze. Damit werden zusätzlich eine Temperatursteuerung und eine Warnanzeige für den erhitzten Zustand nötig. Eine weitere gefragte Zusatzfunktion ermöglicht das Anschließen von Messsonden, um beispielsweise den pH-Wert der gerührten Flüssigkeit zu erfahren.

Niederkomplexer Magnetrührer ohne Sekundäraufgaben

Sekundäraufgaben sind keine Erfindung der Digitalisierung, es werden aber viele Sekundäraufgaben durch die Digitalisierung stark vereinfacht oder erstmals ermöglicht. So können bei komplexen Aufgaben Magnetrührer zeitlich gesteuert, die gewählten Einstellungen für wiederkehrende Aufgaben gespeichert werden und angeschlossene Messsonden dem Laboranten einen Hinweis bei ungewohnten Messergebnissen geben.

Ein Gerät, das lediglich die Rührfunktion besitzt, lässt sich einfach und verständlich mit einem Knopf für die Geschwindigkeit steuern. Komplexe Geräte, die mehrere sekundäre Funktionen bieten, benötigen offensichtlich eine andere Lösung, um eine verständliche Handhabung zu gewährleisten. Hier helfen displaygestützte Lösungen besonders dabei, den Zugang zu nötigen Funktionen bereitzustellen, wenn sie gebraucht werden und im Augenblick unnötige Funktionen temporär zu verbergen.

Komplexer Magnetrührer mit Sekundäraufgaben


Eine wichtige Aufgabe, die sich mit der Digitalisierung ändert und besonderes Potential für eine hohe Produktqualität bietet, ist es, den Service um ein Produkt zu gestalten. Denn mit den neuen technischen Möglichkeiten bieten sich neue Ansätze, den Komfort eines Gerätes zu einem arbeitsplatzübergreifenden Service auszubauen. Neuerungen ergeben immer Veränderungen im Arbeitsablauf. Da es sich bei der Digitalisierung um teilweise grundlegend neue Ansätze handelt, ist auch eine starke Veränderung in den Arbeitsabläufen im Labor zu erwarten. Schon längere Zeit werden wiederkehrende Aufgaben automatisiert und verbreitet. Zwei weitere Bereiche bieten, besonders in der Kombination, ein großes Potential an Möglichkeiten: Die Datenerfassung und die Vernetzung von Geräten.

Im Bereich der Datenerfassung bilden sich im Besonderen das datenbankgestützte Protokollieren, Dokumentieren und Archivieren heraus, was eine gänzlich neue Form der Ergebnisaufbereitung bedeutet. Der Magnetrührer aus dem obigen Beispiel ist möglicherweise nicht mehr nur für den Laboranten nützlich. Eine automatische Verfolgung eingesetzter Verbrauchsmaterialien könnte eine Nachbestellung beim Zulieferer auslösen und so die Lagerhaltung optimieren. Durch protokollierte Laufzeiten und dadurch angepasste Einsatzpläne kann der Einsatz des Gerätes für parallel laufende Projekte optimiert werden. Es können Prozessauswertungen entstehen, die in der Rentabilitätskontrolle berücksichtigt werden, eine Fernwartung verbessern oder erstmals ermöglichen und zusätzlich den üblichen Geräteservice ergänzen. 

Mögliche Aufgaben im smarten Labor der Zukunft

Die Vernetzung von Geräten hat das Potential für weitere grundlegende Veränderungen in Laboren. Wenn der exemplarische Magnetrührer über Vernetzung gerade bereitgestellte Proben erkennen kann, könnte er von selbst die geeignete Weiterverarbeitung beginnen und gleichzeitig einen passenden Platz im Kühlschrank reservieren. Dort sind womöglich bereits andere Proben gelagert, die zusammen mit der Probe des Magnetrührers in einer Zentrifuge weiterverarbeitet werden sollen. Durch die nahezu grenzenlosen Möglichkeiten in Optimierung und Individualisierung wird der Laborant mehr und mehr zum Labormanager. Dort steht er vor Aufgaben, in denen er bisher kaum Erfahrung sammeln konnte.

Dies ist ein Fakt, der häufig nicht bemerkt oder auf die leichte Schulter genommen wird. Die Schwierigkeit liegt in den unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Anwender und Hersteller auf das Produkt. Der Unternehmer bringt als Entwickler im Bezug auf seine Geräte einen anderen Erfahrungshintergrund und andere Interessen mit als der Anwender seines Produkts. Oft wird von ihm für die Handhabung eine Lösung gewählt, die vorrangig technisch und finanziell abgeleitet wird. Die Handlungs- und Denkmuster des Nutzers bezüglich eines Gerätes werden stattdessen durch individuelle Projektanforderungen bestimmt, die in ihrer Gänze unmöglich vom Hersteller vorhergesehen werden können. Das galt schon bei analogen Produkten und wird mit der Vielseitigkeit von neuen Konzepten über Erfolg oder Misserfolg der Anbieter entscheiden. Wer die Sprache der Nutzer spricht, wird am Besten verstanden. Der erfolgreiche Unternehmer muss seine Produkte so gestalten, dass der Anwender auch in Situationen, die nicht dem Standard entsprechen, weiß was zu tun ist. Unter dem Zeitdruck und den Ablenkungen des Alltags werden die Handlungen richtig durchgeführt, die bereits bekannt sind, selbst wenn der Anwender sie aus gänzlich anderen Situationen kennt. Um an diese Situationen zu erinnern, muss die Produktsprache nachvollziehbar und deutlich sein. So wenig Wissen wie möglich sollte vorausgesetzt werden, denn vielleicht existiert es beim Nutzer in anderer Form, falsch oder gar nicht. Besser ist es, notwendiges Wissen zu hinterlegen, in verständlicher und eindeutig interpretierbarer Form. Das Wahren der Einheitlichkeit hilft dem Anwender, in vergleichbaren Situationen die richtige Entscheidung zu treffen. Das sollte durch einen Hinweis unterstützt werden, was seine Handlung bewirkt hat und was sie für die kommenden Arbeitsschritte bedeutet.

Wenn es dann soweit ist, dass der Anwender schnell und sicher versteht, welche Möglichkeiten ihm ein Produkt bietet, ist das ein guter Schritt in die Richtung, dass er gerne damit arbeitet. Immer öfter kann er bei der Wahl der Mittel zwischen mehreren Anbietern entscheiden, denn die neuen Techniken erlauben es neuen Marktteilnehmern, Produkte immer schneller auf vergleichbarem Niveau anzubieten. Bei den oft kostspieligen Gütern für Labore prüfen die Nutzer genau, was am besten zu ihren Arbeitsgewohnheiten passt. Bei Angeboten mit gleichen Standards und vergleichbaren Kompetenzen entscheidet ein weiterer Punkt: das Anwendererlebnis. Dieses Erlebnis beginnt bereits, bevor die Arbeit am Gerät beginnt, denn der Nutzer erinnert sich, ob sein bisheriger Eindruck gut oder schlecht ist. Es ist anzunehmen, dass das Erlebnis nach dem Nutzen mit dem Verlassen des Gerätes endet. Vielmehr ist es jedoch so, dass das Erlebte den Nutzer noch weiter begleitet und er entweder ärgerlich oder mit einem guten Gefühl an die nächste Aufgabe geht. Es ist kein Geheimnis, bei welchem Eindruck der Kunde dem Anbieter treu bleibt und wann er weiterempfiehlt, statt abzuraten. Das Schaffen positiver Erlebnisse ist bedeutend. Denn letztlich geht es um den Abnehmer, den Kunden, den Menschen. In alten wie in neuen Zeiten wird das Denken und Handeln des Menschen durch seine Emotionen bestimmt, und die Nase vorne haben wird derjenige, der neben Touchscreen und ergonomischer Finesse das gute Gefühl des Erfolgs mitverkauft.

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