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Biotechnologie im Hohen Norden

Die Biotechnologie-Region Schottland im Überblick

Dr. Björn Lippold, Chemie.DE Information Service GmbH, Eichenstraße 3A, 12435 Berlin

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Wenn man David Roe von der Beratungsagentur Scottish Development International danach fragt, was er an Schottland besonders schätzt, dann lautet seine Antwort: „The weather can sometimes be disappointing but the people brighten up the place“. Auch für die Biotechnologie-Branche sind die Menschen im rauen Norden Großbritanniens ein wichtiger Faktor, aber längst nicht der einzige, um diese nördliche Biotechnologieregion besonders attraktiv zu machen. Das in den letzten Jahren deutlich über dem europäischen Mittelwert von 14,5% liegende durchschnittliche Wachstum von 28% belegt den Erfolg der schottischen Bioregion.

Ein High-Tech-Wirtschaftsbereich wie die Biotechnologie gehört eher nicht zu den ersten Assoziationen, die Schottland heraufbeschwört. Auch die Tatsache, dass einer der bekanntesten Forschungserfolge der Biotechnologie, das Klonschaf Dolly, am schottischen Roslin-Institut erzielt wurde, hat dieses Bild in der Öffentlichkeit kaum verändert.

Dabei sind es nicht nur jüngste Erfolge in der Forschung, auf die sich die schottische Biotech-Szene berufen kann, sondern auch eine weit reichende Tradition im Bereich Life Sciences. John Hunter (1728-1793), der als Mitbegründer der modernen Medizin gilt, John J. R. McLeod, der 1923 zusammen mit Frederick Banting den Nobelpreis für die Entdeckung des Insulins bekommen hat, und Sir Alexander Fleming, der 1928 das Penicillin entdeckt hat, sind nur drei der bekannteren Vertreter der medizinischen Tradition Schottlands.

Diese traditionelle Ausrichtung spiegelt sich auch in der Universitätslandschaft Schottlands wider. Die Universität Edinburgh ist im Bereich der medizinischen Ausbildung nach London die zweitwichtigste Fakultät Großbritanniens. Der Erfolg der schottischen Universitäten im Bereich Biowissenschaften lässt sich deutlich daran messen, dass ca. 30% der britischen Doktoranden im Bereich Mikrobiologie von schottischen Instituten stammen, obwohl Schottland nur 9% der Bevölkerung Großbritanniens vorzuweisen hat.

Vor einem solchen Hintergrund ist die biotechnologische Ausrichtung Schottlands besser nachvollziehbar, und die Verfügbarkeit von gut ausgebildetem wissenschaftlichem Fachpersonal ist einer der Standortvorteile dieser Region. Allerdings ist die schottische Biotechnologieszene nicht ausschließlich auf einheimische Wissenschaftler fixiert, sondern bemüht sich aktiv darum, auch international Studenten, Wissenschaftler und, wie im Fall des Gruppenleiters Anton Gartner vom Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinried, sogar ganze Arbeitsgruppen in die Region zu locken und in das schottische Biotech-Netz zu integrieren. Doch auch die Einbindung internationaler Firmen in die Biotechlandschaft gehört zu den erklärten Zielen der schottischen Wirtschaftsförderung.

Wissenschaft und Wirtschaft in direkter Nachbarschaft

Als konsequente Weiterführung der medizinischen Tradition Schottlands sind zurzeit mehr als 2/3 der schottischen Biotech-Projekte auf die Rote Biotechnologie ausgerichtet, während die Grüne und Weiße Biotechnologie nur einen geringen Anteil haben. Zu den Kernschwerpunkten Schottlands gehören Stammzellenforschung und Biomarker. Fokusthemen für die medizinische Anwendung sind Onkologie, das Zentrale Nervensystem, Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Ein wichtiger Standortfaktor für Schottland als Bioregion ist die ausgeprägte universitäre Infrastruktur. Geografisch ist die Bioregion überwiegend im Dreieck der Universitätsstädte Glasgow, Edinburgh und Dundee angesiedelt. Neben dem guten Ruf der medizinischen Fakultät in Edinburgh gilt besonders die Expertise der Universität Dundee im Bereich Onkologie als zusätzlicher Anreiz für den Forschungsstandort. Insgesamt sind dreizehn Universitäten und Forschungseinrichtungen wie das Roslin Institute, die Edinburgh BioParks und das Moredun Research Institute in die Kooperationen der Region eingebunden.

Das Roslin Institute ist nicht zuletzt als Geburtstätte von Dolly und damit als Pionier in modernen Klonverfahren das wahrscheinlich bekannteste Forschungsinstitut Schottlands. Bei den aktuellen Projekten des Instituts im Bereich Biotechnologie widmet sich ein Schwerpunkt der Arbeit mit menschlichen Stammzellen. Innerhalb Großbritanniens verfügt das Roslin Institute, das auch Mitbegründer des 2002 gegründeten Scottish Stem Cell Network ist, über eine der größten Arbeitsgruppen, die an embryonalen Stammzellen forscht. Ein Beispiel für Kooperationsprogramme mit externen, kommerziellen Partnern auf diesem Wissenschaftsfeld ist die Lieferung von aus embryonalen Stammzellen gezüchteten Leberzellen (Hepatozyten) für in vitro durchgeführte Toxizitätstests der Pharmaindustrie.

Die kommerziellen Partnerschaften des Instituts sind jedoch nicht auf die Stammzellenforschung beschränkt. Mit ungefähr 240 Angestellten, Studenten und Gastwissenschaftlern kann das Roslin Institute für 2004 einen jährlichen Umsatz von ungefähr 13 Millionen Pfund (21 Millionen Euro) vorweisen, von dem ca. 21% aus kommerziellen Kooperationen stammen. Von den ca. 150 Forschungsprojekten im selben Jahr 2004 wurden sogar 34% unter Beteiligung kommerzieller Partner durchgeführt.

Aber nicht nur beim Roslin Institute wird die Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft groß geschrieben. Durch die geringe Größe Schottlands liegen die Universitäten, Firmen und Organisationen nah beieinander, und oftmals sind die Unternehmen als direkte Nachbarn der Universitäten angesiedelt, was die starken Verbindungen zwischen universitärer und kommerzieller Forschung stützt.

Forschungshighlight: Lab-on-a-Chip

Ein interdisziplinäres Projekt von Biologen, Medizinern und Informatikern am Zentrum für Konvergenztechnologien im Alba Centre arbeitet an der Verknüpfung von Biotechnologie und Mikroelektronik. Ziel ist die Entwicklung eines Minilabors im Mikrochipmaßstab, eines Lab-on-a-chip, das in den menschlichen Körper eingesetzt medizinische Diagnosen erstellen soll (In-Body-Messungen).

Der Lockruf Schottlands

Der Anreiz für die Wirtschaft, sich in der Biotech-Region Schottland anzusiedeln, liegt neben der ausgeprägten Forschungsinfrastruktur in dem vorhandenen Fachpersonal. Auch wenn die Lohnkosten in anderen Ländern niedriger sind, kann das bereits gesammelte technische Know-how durch die bereits vorhandene kritische Masse an Einrichtungen die Forschungszeiten bis zur Markteinführung eines fertigen Produkts verkürzen.

Zusätzlich zu diesen Grundvorrausetzungen bietet die schottische Wirtschaftsförderung für die Ansiedelung von internationalen Firmen zusätzliche Anreize, um Schottland als Bioregion weiter zu stärken. Dazu gehören die in solchen Fällen üblichen steuerlichen Vorteile, so dass z. B. kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) bis zu 150% ihrer Kosten steuerlich absetzen können. An größere Unternehmen richtet sich beispielsweise das Programm R+D Plus von Scottish Enterprise, der Dachorganisation von Scottish Development International (SDI). Für Unternehmen mit mehr als 500 Angestellten können durch das Förderprogramm bis zu 25% der Aufwendungen im Bereich Forschung und Entwicklung übernommen werden.

Inzwischen haben viele große Pharmakonzerne wie Roche, Glaxo Smith Kline, Rhodia Chirex, Boehringer, Invitrogen, Altana, Schering und Merck Niederlassungen in Schottland aufgebaut. Aber auch kleinere Unternehmen aus Europa und Deutschland wie beispielsweise Viragen, Upstate Discovery, Intercell und Evotec OAI sind in der schottischen Bioregion vertreten.

Mehr als nur Regen

Die schottische Wirtschaftsförderung setzt auf eine langfristige Weiterentwicklung der Region. Für ein Zehn-Jahres-Programm stellt beispielsweise das staatliche Intermediary Technology Institute (ITI) Life Sciences als Förderer pro Jahr 15 Million Pfund (24 Millionen Euro) als finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt hat.

Durch die Konzentration auf bestimmte Kerntechnologien setzt man darauf, durch die Exzellenz in dem gewählten Spezialgebiet trotz der Lage am Rande Europas langfristig erfolgreich zu sein, um Wissenschaftlern und Firmen einen Anreiz zu geben, sich von dem schlechten Wetter Schottlands nicht abschrecken zu lassen.

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