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Griechisches Feuer



  Das Griechische Feuer (altgr. Ὑγρὸν Πύρ Hygrón Pyr, neugriech. Υγρό Πυρ Igró Pir „flüssiges Feuer“) war eine im byzantinischen Reich verwendete militärische Brandwaffe. Sein Name stammt von der Benennung der Nachbarn für die griechisch sprechenden Byzantiner, die sich selbst als (Ost-)Römer bezeichneten. Es wurde auch Seefeuer oder römisches Feuer genannt.

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Inhaltsverzeichnis

Funktionsweise

Mit einer Spritze wurde eine brennende Flüssigkeit auf Erdölbasis gegen das Ziel gespritzt. Die Waffe war sowohl an Land als auch auf See sehr wirkungsvoll. Ein Grund dafür war, dass die Flüssigkeit unter fast allen Bedingungen weiterbrannte – sie war mit Wasser kaum zu löschen.

Es existierten verschiedene Spritzensysteme:

  • Der so genannte Siphon wurde im Seekrieg von den byzantinischen Kriegsschiffen, den Dromonen, aus eingesetzt. Bekannt ist, dass er aus Bronze bestand, mit Zinn verlötet war und von unten befeuert wurde. Außerdem war daran eine offensichtliche Düse sichtbar. Es handelte sich höchstwahrscheinlich um einen Druckbehälter, der über ein Ventil mit der Düse verbunden war. Möglicherweise wurde der Überdruck im Behälter mit einer Pumpe aufrechterhalten. Nur zwei Personen bedienten eine Waffe, die anderen Besatzungsmitglieder besaßen nicht die erforderliche Ausbildung. Je nach Größe waren die Dromonen mit einem bis drei Siphonen ausgestattet.
  • Eine Abbildung eines so genannten strepton zeigt, dass es sich um ein Handgerät handelt. Vorzugsweise sollte es gegen Holzkonstruktionen wie Belagerungstürme zum Einsatz kommen. Der Name impliziert, dass es sich um ein Gerät mit einer Art Pump- oder Drehmechanismus handelt.
  • Vom cheirosiphon (Handsiphon) ist wenig mehr bekannt als das, was der Name andeutet. Er war zum Einsatz direkt gegen feindliche Soldaten gedacht.

Darüber hinaus existierte noch die konventionellere Methode, mit Brandmittel gefüllte Tonkrüge mit verschiedenen Schleuder- oder Katapultsystemen zu verschießen. Die genannten Systeme verfügten wahrscheinlich über eine Zündflamme.

Geheimhaltung

Die Details der Waffen waren geheim. Dies erklärt auch, warum die genaueren Informationen meist aus nicht-byzantinischen Quellen stammen. Dennoch gelang es auch den Arabern und Bulgaren, die selbst sehr wohl konventionelle Brandwaffen einsetzten, trotz erbeuteter Waffensysteme nicht, selbst Griechisches Feuer zum Einsatz zu bringen. Offenbar war das Gesamtsystem dazu zu komplex.

Die an Herstellung und Einsatz Beteiligten besaßen nur das für ihre Teilaufgabe jeweils erforderliche Wissen. Durch die Schaffung einer Legende über die Offenbarung des flüssigen Feuers durch einen Engel Gottes an den ersten christlichen Kaiser waren sie in ihrer Eigenschaft als Christen zur Geheimhaltung verpflichtet, mit entsprechenden Folgen bei Zuwiderhandlung: einmal sei ein vom Feind bestochener General beim Versuch, anschließend die Kirche zu betreten, von Gott mit himmlischem Feuer vernichtet worden, und seither habe nie mehr jemand an Derartiges zu denken gewagt.

Entwicklung

Die Erfindung des Griechischen Feuers wird in den Quellen dem syrischen Architekten Kallinikos (Καλλίνικος) zugeschrieben, der aus Heliopolis (heute Libanon) vor den Arabern nach Konstantinopel geflohen war. Wahrscheinlich im Jahre 677 oder kurz zuvor gelang es ihm während eines Krieges mit den Arabern, das System des Griechischen Feuers für die Dromone zu schaffen. Dies war von entscheidender Bedeutung bei der Abwehr der arabischen Belagerung von Konstantinopel (674-678).

Bereits in der Spätantike waren sowohl auf oströmischer Seite als auch bei den Gegnern Roms immer wieder ständig weiterentwickelte Brandwaffen zum Einsatz gekommen. So scheinen entsprechende Vorläufer bereits kurz nach 500 unter Kaiser Anastasius im Kampf gegen den rebellischen Heermeister Vitalianus eingesetzt worden zu sein. Auf diese Entwicklungen griff Kallinikos zurück. Seine wesentliche Neuerung, die letztlich das Griechische Feuer ausmachte, war der Siphon, in moderner Terminologie eine Art Flammenwerfer. Auch nach Kallinikos setzte sich die Entwicklung weiter fort. So entstanden Handsiphon und Strepton Ende des 9. oder Anfang des 10. Jahrhunderts.

Brandmittel

Auch die Zusammensetzung des Brandmittels wurde kontinuierlich verbessert. Vermutlich wurde es auch an die unterschiedlichen Waffensysteme angepasst. Es sind daher verschiedene Varianten überliefert, die jedoch alle Erdöl oder Asphalt als Grundlage hatten. Diese Stoffe traten im byzantinischen Reich in der Nähe des Schwarzen Meeres an die Erdoberfläche. Weitere, nicht immer vorhandene Bestandteile waren Baumharz, Schwefel und gebrannter Kalk, ab dem 10. Jahrhundert wahrscheinlich auch Salpeter. Die Details der Herstellung sind jedoch nicht überliefert. Für die häufig angenommene Selbstentzündung des Gemisches im Wasser gibt es keinen Beleg, eine solche Eigenschaft wäre ohnehin sinnlos bei gut gezielten Treffern an der Stelle maximaler Wirkung, nämlich auf dem Deck eines Schiffes.

Anwendung

Der erste überlieferte Einsatz erfolgte während der von 674 bis 678 dauernden Belagerung von Konstantinopel durch die Araber, wahrscheinlich 677. Die neue Waffe trug offenbar entscheidend dazu bei, dass Byzanz die Angreifer abwehren konnte – trifft dies zu, so hatte sie einen wichtigen Einfluss auf den Verlauf der Weltgeschichte, da Konstantinopel auf diese Weise noch über Jahrhunderte als Sperrriegel das Vordringen der Moslems nach Europa verhindern konnte. Das Feuer entwickelte sich schnell zu einer der gefürchtesten Waffen der mittelalterlichen Welt mit großem psychologischen Effekt.

Zeitgenössischen Berichten zufolge muss der Einsatz von Griechischem Feuer auf den angegriffenen Schiffen ein unbeschreibliches Inferno verursacht haben. Der Einsatz der Flammenwerfer war von einem donnernden Geräusch begleitet und angesichts der unlöschbaren Brände, die vom Spritzenschiff aus nach Belieben dirigiert werden konnten, war keine militärische Disziplin mehr an Bord möglich.

Ein weiterer Effekt war, dass brennende Schiffe, die sich zurückzogen, auch ihre restliche Flotte in Gefahr bringen konnten. Feindliche Schiffe vermieden es deshalb, sich der byzantinischen Flotte zu nähern, um nicht in die Reichweite des Feuers zu gelangen. Sonst reichte auch oft der Anblick einer Spritze, um den Feind in die Flucht zu schlagen. Die Anwendung konnte aber unter Umständen auch eigene Schiffe in Brand setzen.

Griechisches Feuer war in großem Maße für die jahrhundertelange Seeherrschaft der byzantinischen Flotte im östlichen Mittelmeerraum verantwortlich; es sicherte die Unabhängigkeit des Reiches noch, als dieses wegen der abnehmenden Bevölkerung und Fläche bereits keine schlagkräftigen Landstreitkräfte mehr aufstellen konnte.

Der letzte belegte Einsatz von Griechischem Feuer ist 1187 beim Aufstand von Alexios Branas. Nach der osmanischen Eroberung von Konstantinopel 1453 ist das Wissen darüber definitiv verloren. Das Fehlen einer Erwähnung trotz vieler bewaffneter Konflikte lässt jedoch bereits die berüchtigte Plünderung von Konstantinopel 1204 durch die Kreuzfahrer als plausiblen Auslöser für diesen Verlust erscheinen.

Neben der obigen Darstellung der Anwendung im Seekrieg gibt es noch ein weiteres Bild, das die Abwehr der Schiffe des Fürsten Igor vor Konstantinopel im 10. Jahrhundert durch die Anwendung des „flüssigen Feuers“ zeigt.

Literatur

  • Bart de Graeve: Het griekse vuur: De realiteit achter de mythe. Universität Leuven, 2001 (Lizentiatsarbeit).
  • Jochen Gartz: Vom griechischen Feuer zum Dynamit: eine Kulturgeschichte der Explosivstoffe. E. S. Mittler & Sohn, Hamburg 2007, ISBN 978-3-8132-0867-2.
  • Erich Gabriel: Griechisches Feuer. In: Robert Auty u. a. (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters. Band 4, Artemis-Verlag, München 1989, ISBN 3-7608-8904-2., Sp. 1711f.
  • Johannes Preiser-Kapeller: Wunderwaffe des Mittelalters? Geschichte und Theorie des Griechischen Feuers. In: Karfunkel-Combat. Nr. 3, Karfunkel-Verlag, Wald-Michelbach 2007, S. 45–47 (mit Bericht zu Rekonstruktionsversuchen von Prof. John Haldon, Princeton).
 
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Griechisches_Feuer aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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