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Rhesusfaktor



Der Rhesusfaktor ist ein Eiweiß auf der Zellmembran der roten Blutkörperchen im menschlichen Blut und wurde 1940 von Karl Landsteiner (1868–1943) und Alexander Solomon Wiener am New Yorker Rockefeller-Institut bei Rhesusaffen entdeckt. Das Rhesussystem beschreibt eine weitere Zusammenfassung, deren fünf wichtigste Vertreter (C, c, D, E, e) mit Testseren geprüft werden. Der älteste und wichtigste Rh-Faktor bezieht sich dabei auf den Rhesusfaktor D im Rhesussystem.

Weiteres empfehlenswertes Fachwissen

Inhaltsverzeichnis

Vererbungsmuster

Die Vererbung des Rhesusfaktors ist dominant-rezessiv: Die Ausprägung des Faktors ist dominant gegenüber Rhesus-negativem Phänotyp. Als Symbol wählt man die Buchstaben Rh und hängt ein „+“ bzw. „−“ an, je nachdem, ob man Rhesus-positiv (besitzt Rhesusfaktor-Antigen) oder Rhesus-negativ (besitzt es nicht) ist. Alternativ kann auch der Buchstabe D benutzt werden, mit dem eine genauere Charakterisierung möglich ist: dd steht dann für rh (Rhesus negativ), Dd (oder dD) und DD für Rh (Rhesus positiv). Etwa 80–85 % der Mitteleuropäer sind rhesus-positiv.

Anders als bei dem primär entdeckten Rh-Faktor „D“ stehen bei den Genprodukten des Rh-CE-Gens (wichtigste Antigenkombinationen sind CE, Ce, cE und ee) auch die kleinen Buchstaben für Antigene, die durch Testseren mit entsprechenden Antikörpern nachgewiesen werden können. Es gibt also neben dem Anti-C Serum auch ein Anti-c Serum etc. (Gleiches trifft auch für das Kell-System zu). Auf standardkonformen deutschen Blutspendeausweisen stehen daher die Rhesusfaktoren scheinbar doppelt als „ccddee“. Die Kombinationsmöglichkeit macht das Rh-Blutgruppensystem zu einem der komplexesten menschlichen Blutgruppensysteme.

Rhesussystem

Nach der Entdeckung der Blutgruppen A und B haben Landsteiner und Wiener ihre Arbeiten fortgesetzt. In der ersten Benennung durch Wiener stand das „R“ für das zuständige Gen bei Rhesusaffen, und das angehängte „h“ für das zugehörige Antiserum. Mit einem Locus stand „Rh“ nun für den positiven Test und „rh“ für den negativen Test. Da noch weitere Blutgruppenmerkmale gefunden wurden, setzte sich diese Bezeichnung als Rh-Faktor nicht durch, der sich auf den heutigen Rhesusfaktor D (auch Rh1 oder RhD genannt) bezieht. Durch die weitläufige Verwendung in der Fachliteratur blieb der Beiname jedoch erhalten.

Fisher und Race erkannten den Zusammenhang der weiteren Blutgruppenmerkmale und führten in Fortschreibung der bekannten A und B des AB0-System die Bezeichnungen C, D und E des Rhesussystems ein. Dabei gingen der Statistiker Fisher und Immunbiologe Race von drei Loci im Genom aus mit jeweils binären Ausprägungen der Gene als C/c, D/d und E/e. Erst später erkannte man, dass die Merkmale für C und E auf dem gleichen Locus liegen, und folglich in vier Alleltypen vorliegt. Die beiden Gene des Rhesussystems liegen auf Chromosom 1 bei 1p36.2-p34 (GeneID 6007 „RHD“ und GeneID 6006 „RHCE“)

Spätere gentechnische Untersuchungen konnten die bisherigen Vermutungen weitgehend bestätigen, in dem die Blutgruppen des Rhesussystems eng miteinander verwandt sind. Die resultierenden Proteine des Rhesussystems sind weitgehend homolog, sodass lange angenommen wurde, dass sie durch alternatives Splicing einer gemeinsamen langen Gensequenz entstehen, in deren Folge manchmal 1, 2 oder auch 3 Varianten in einem Organismus entstehen. Carritt et al. zeigten dann 1997 die Möglichkeit auf, dass das RhCE durch Genverdoppelung aus RhD entstanden ist, insbesondere nachdem im Genom des Menschen erstmals ein fehlendes Rhesusprotein auftrat. (in manchen entfernten Populationen gibt es bis heute keine RhD-negative Blutgruppen). Im Gegensatz zur Vermutung von Carrit et al zeigten dann Flegel und Wagner in 2000, dass das RhCE das ursprüngliche Gen war, aus dem RhD verdoppelt wurde. Mehrere Teams zeigten 2000 außerdem, dass die Gene für RhCE und RhD eng beieinander und in entgegengesetzer Leserichtung liegen (die 3'-Enden liegen nebeneinander). So erklärt sich auch, dass eine ganze Reihe von selteneren Rhesusmerkmalen gefunden werden konnten, in denen im RhCE Protein scheinbar Exone des RhD Proteins ausgeprägt sind.

Da neben den häufigen Ausprägungen des Rh-D und Rh-CE Gens weitere Wildtypen existieren, findet sich in der Literatur auch eine numerische Notation für die Blutgruppenmerkmale des Rhesussystems. Dabei steht D = RH1, C = RH2, E = RH3, c=RH4, e = RH5, … Cw = RH8 … mit heute über 50 Varianten. Wie diese tatsächlich im Genom ausgeprägt werden ist bis heute nicht endgültig geklärt. Nichtmenschliche Modellorganismen wie die Maus sind dabei nicht vollständig zum Vergleich geeignet, da sie keine RhCE/RhD Doppelung tragen.

Genotyp Rhesustyp Rh(D) Test
ccddee rr Rh negativ
CcDdee R1r Rh positiv 
CCDDee R1R1 Rh positiv 
ccDdEe R2r Rh positiv 
CcDDEe R1R2 Rh positiv 
ccDDEE R2R2 Rh positiv 

Bedeutung bei der Schwangerschaft

Die Antikörper gegen den Rhesusfaktor D können die Blutschranke der Plazenta überwinden und ins Blut des Kindes eindringen. Falls die Mutter Rhesus-negativ und der Fötus Rhesus-positiv ist (Rhesus-Inkompatibilität), kann es sein, dass die Mutter Antikörper gegen den Rhesusfaktor des Kindes besitzt, die dann zum vorzeitigen Abbau (Hämolyse) der roten Blutkörperchen des Kindes und unter Umständen zu dessen Tod führen (morbus haemolyticus neonatorum).

In der Schwangerschaft mit dem ersten rhesus-positiven Kind ist dies meist unproblematisch, weil die meisten Frauen vorher keinen anderen Kontakt mit rhesus-positivem Blut hatten. Erst bei der Geburt gelangt kindliches Blut in den Blutkreislauf der Mutter, und führt nachfolgend zur Bildung der Antikörper. Das gerade geborene Kind kann von diesen Antikörpern nicht angegriffen werden.

Bekommt die Frau jedoch später noch ein rhesus-positives Kind, können die Antikörper die Blutschranke der Plazenta passieren (da es sich um relativ kleine Antikörper, Typ IgG, handelt), in sein Gewebe eindringen und es zerstören (Erythroblastose). Die Folge sind Behinderungen oder Absterben des Fötus. Um das weitere Kind vor Schaden zu bewahren, blieb früher nur die Möglichkeit einer Blutaustauschtransfusion. Heutzutage führt man statt dessen eine Anti-D-Prophylaxe durch. Man spritzt der Mutter gleich nach der Geburt konzentrierte Anti-D Antikörper, die sich daraufhin an die verbleibenden Erythrozyten (rote Blutkörperchen) des Neugeborenen heften. So werden diese abgebaut und das mütterliche Immunsystem hat keine Chance, gegen das kindliche Blut Antikörper zu entwickeln. Diese Prophylaxe schützt das nachfolgende Kind.

Rhesus-Negativ-Verbreitung

Die Verbreitung von Personen mit Rhesus-negativem Blut spielt besonders auf Europa bezogen eine bedeutsame Rolle bei der Ermittlung der genetischen Distanz von Völkern. Der Rhesus-Negativ-Anteil der Europäer liegt am höchsten, schwankt aber zwischen 4 % in der östlichen Randzone und 25 % im Baskenland. Einen relativ hohen Anteil haben noch europanahe Zonen wie Nordafrika und Anatolien. Auf anderen Kontinenten liegt er zum Teil wesentlich niedriger. Amerika, Australien und ganz Ostasien haben gar keine rhesusnegativen Ureinwohner. Vergleicht man den Negativ-Anteil zwischen Basken (25) und Schweizern (15) so beträgt er 10 Punkte. Der Schweizer gegenüber Ostasiaten beträgt bereits 15 Punkte. Dieser größere Abstand und die daraus resultierende größere genetische Distanz lassen, gemäß den Untersuchungen von Cavalli-Sforza und anderen, auf eine frühere Verzweigung der Völker schließen. Die Untersuchungen ergänzen Erkenntnisse, die sich aus der Studie über die Laktoseintoleranz ergeben.

Blutgruppenkompatibilität

Bei der Bluttransfusion wird im Regelfall blutgruppengleich transfundiert, auch hinsichtlich der Merkmale im Rhesussystem. Wegen des Mangels insbesondere von rhesus-negativen Blutspenden lässt sich eine Übertragung anderer Blutgruppen jedoch oft nicht vermeiden. Aufgrund der Bedeutung in der Schwangerschaft ist dabei eine Transfusion von RhD-positiven Blutspenden an RhD-negative Mädchen und Rh-negative gebärfähige Frauen (mit Ausnahme von lebensbedrohlichen Situationen) unbedingt zu vermeiden. Generell muss bei allen Transfusionen von rhesus-positivem Blut an rhesus-negative Patienten eine serologische Nachuntersuchung erfolgen und bei Nachweis von Antikörpern der Patient über die Risiken beraten werden sowie diese Komplikation im Notfallpass vermerkt werden. Aufgrund dieser Problematik wird auch bei unklarem RhD-Test die Blutgruppe des Patienten rhesus-negativ ausgewiesen, die als grundsätzich inkompatibel mit verfügbaren rhesus-positiven Spenden gilt. Ausnahmen von dieser Regel sind vom Arzt gesondert zu dokumentieren.[1] Die Umkehrung der Gabe von rhesus-negativem Blut an rhesus-positive Patienten ist unproblematisch; aufgrund der Verfügbarkeitssituation kommt dieses jedoch im Regelfall nicht vor.

Empfänger   Kompatible EK (Erythrozytenkonzentrate)
D-negativ D-negativ,
nur bei lebensbedrohlichen Situationen D-positiv
D-positiv D-positiv,
ggf. auch D-negativ (möglichst vermeiden, da D-negative EK rar sind)

[2]

Siehe auch

  • Vererbung
  • Blutgruppe
  • Coombs-Test

Einzelnachweise

  1. Hämotherapie. Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten. Abschnitt 4.3.5 Transfusion von Erythrozytenkonzentraten, Bundesärztekammer, Paul-Ehrlich-Institut, Gesamtnovelle 2005, erschienen Bundesanzeiger 2005; 57(209a): 4–35.
  2. Dr. Dr. Erwin Strobel, Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Schramm: Blutgruppenkompatible Auswahl der Blutprodukte. In: Forum Hämotherapie, Bayrisches Ärzteblatt. 10/2003.
 
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Rhesusfaktor aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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