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Friedrich Koch (Apotheker und Erfinder)



Friedrich Koch (* 7. Dezember 1786 in Messel ; † 13. August 1865 in Oppenheim [1]; mit allen Vornamen Johann Friedrich Ludwig Koch) war Apotheker und Erfinder der industriellen Chininherstellung.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Start in Oppenheim

Der Pfarrerssohn Friedrich Koch stammte aus Messel bei Darmstadt und absolvierte eine Apothekerlehre in Zwingenberg. Später war in verschiedenen Apotheken (u.a. in Frankfurt und Straßburg) tätig und studierte in Gießen Pharmazie. Er wollte sich 1821 in Oppenheim niederlassen und die dortige Löwen-Apotheke übernehmen, die sich seit 1740 in der Wormser Straße 2, dem heutigen Hotel Merian befand [2]. Gleich zu Beginn seiner später so überaus erfolgreichen Karriere bekam er Schwierigkeiten, da das Rheinhessische Medizinalkollegium in Mainz das in Hessen erworbene Examen nicht anerkennen wollte. Für die Geschäftsaufnahme bedurfte es einer allerhöchsten Entscheidung aus der großherzoglichen Residenz in Darmstadt. Im April 1821 verlegte er die Apotheke in das gegenüberliegende Haus "Schönecke" in der Krämerstraße 2.

 

Malaria in den Rheinniederungen

Ein zweites Hindernis bestimmte seinen weiteren Lebensweg. Ein heftiges Wechselfieber in Form des Malariatyphoids zwang ihn, sich mit den Möglichkeiten einer Behandlung dieser schmerzhaften und leidvollen Krankheit auseinanderzusetzen. In Oppenheim trat damals durch die vom zurückgedrängten Rhein entstandenen Sümpfe im Unterfeld in gehäuftem Maße Sumpffieber (Malaria) auf. Ein großer Bevölkerungsteil litt jedes Jahr darunter. Die näheren Zusammenhänge waren jedoch damals noch nicht bekannt.  Erst 1880 entdeckte der französische Arzt Laveran den Erreger, das Sporentierchen Plasmodium. Die Übertragung des Erregers durch die Anopheles-Mücke wurde sogar erst 1897 erkannt.

Chinin als Gegenmittel

Inka-Indianer wussten von der malariawirksamen Eigenschaft der Rinde des Chinchonabaumes[3], der an den Abhängen der Anden wuchs. Südamerikafahrer brachten die Informationen nach Europa. Die zwischenzeitlichen Fortschritte in der Chemie erleichterten das Extrahieren der wirksamen Stoffe Chinin und Chinchonin aus der Rinde. Allerdings war der Preis so hoch, dass sich nur sehr begüterte Kranke und damit eine kleine Minderheit eine Behandlung und damit Linderung ihrer Leiden leisten konnten. Was fehlte, war das Verfahren, die beiden Stoffe in größeren Mengen und damit billiger herzustellen. Wie man heute weiß, wirkt das Chinin als Plasmagift, indem es den Zellstoffwechsel hemmt und damit die Körpertemperatur senkt (auch Fieber), auch beeinträchtigt es die Plasmabewegung. Besonders empfindlich sind hier die Malariaerreger. Allerdings sind als bedeutende Nebenwirkungen auch die Reizbildung und die Erregungsleitung der glatten Muskulatur des Erkrankten, besonders im Herzen, gehemmt.

Koch's Verfahren zur Chininherstellung

Schon bald nach der Übernahme der Apotheke versuchte Koch, den Wirkstoff Chinin möglichst rein aus der Chinarinde zu extrahieren. Seine malariakranken Kunden sollten ein preiswertes und qualitätsgesichertes Präparat erhalten.

Der deutsche Chemiker Friedlieb oder Friedhelm Ferdinand Runge hatte als Erster 1819 ein kristallines Pulver aus der Rinde isoliert, ein Alkaloid, dem er den Namen Chinin gab. Ein Jahr später gelang dies auch den französischen Apothekern Pierre Joseph Pelletier und Joseph Bienaimé Caventou. Deren Publikationen und sein Lehrer Fabricius in Frankfurt regten Friedrich Koch an, nach einem eigenen preiswertes Verfahren zur Gewinnung von kristallinem Chinin zu suchen. 1823 gelang ihm schließlich der große Wurf und er begann mit der Extraktion von Chinin aus der Chinarinde. Die eigentliche Rezeptur ist das Betriebsgeheimnis der Firma Koch geblieben. Die industriellen Verarbeitungsphasen – in dieser Form und Größenordnung ein Novum mindestens für Deutschland – sind jedoch bekannt.

  Zuerst waren jeweils die von verschiedenen Rindenimporteuren angebotenen Rindenproben auf ihren Chiningehalt hin zu überprüfen und das geeignete Rohprodukt auszuwählen. Die dann in großen Mengen bestellte und gelieferte Rinde wurde zerkleinert und gemahlen. Durch Verrühren des Mahlgutes mit Kalkmilch trennte man die in der Rinde enthaltenen Alkaloide von den mit ihnen verbundenen Chinin- und Gerbsäuren. Ein Rührwerk vermischte den Kalkmilchbrei mit warmem Öl so dass sich die freigemachten Alkaloide darin lösten. Nach dem Absetzen der Mischung konnte man die alkaloidhaltige Ölschicht absaugen und mit verdünnter Schwefelsäure auswaschen. Dabei wurden die Alkaloide in Form von Sulfaten gebunden; das Öl konnte anschließend wieder benutzt werden. Der hohe Verbrauch an Salzsäure lässt darauf schließen, dass Koch versucht hat, die verschiedenen Alkaloide voneinander zu trennen. In einem bestimmten Zeitraum lieferte Koch 70% des Chinin-Weltbedarfs.

Hilfe nur für Reiche?

Friedrich Koch hat sich sehr bemüht, das immer noch verhältnismäßig teure Chinin auch armen Menschen zugänglich zu machen. In einer im Original erhaltenen Entwurf einer wahrscheinlich nie veröffentlichten Mitteilung beschreibt Koch ein weniger aufwändiges Verfahren zur Herstellung eines „harzigen Chinins“ und regt an, dieses in die allgemeinen Arzneimittellisten aufzunehmen. Er empfiehlt (wörtlich),

„die Herren Ärzte sollten solches vorzüglich für unbemittelte Personen anwenden, wodurch es einen billigen Preis erhält, und das theure schwefelsaure Chinin für die Wohlhabenden verordnen.“

Dieser Stoff, Chinoidin benannt, kostete etwa ein Drittel des Preises von Chininsulfat. Er blieb immer bestrebt, den Nebenalkaloiden der Chinarinde zur Anerkennung zu verhelfen und hat namentlich das von Winkler entdeckte Chinoidin sowie das unter dem Namen Betachinin-Koch bekannte, dem Chinin isomere, Chinidin und ihre Salze in großem Umfang in den Handel gebracht.

Pharmazeutische Industrie

Die Kundenliste von Friedrich Koch ist aus historischer Sicht bemerkenswert. Er belieferte in reger Geschäftsbeziehung die damals als Apotheker, heute teilweise als große pharmazeutische Werke bekannten Emanuel Merck (Darmstadt), Johann Rudolf Geigy (Basel), Pierre Joseph Pelletier (Frankreich) und Riedel (Berlin) sowie den Pharmahändler und Chininproduzenten Friedrich Jobst (Stuttgart). [4]

In „Vaterländische Berichte für das Großherzogtum Hessen“ 1835 findet sich folgende Mitteilung:

„Zu den ausgezeichneten chemischen Fabriken Deutschlands dürfen wir dreist auch die des Herrn Koch zu Oppenheim in Chinin und Chinonin zählen, welche derselbe schon 12 Jahre lang, unter Erwerbung eines wohlverdienten Rufes durch fast ganz Europa, führt. Herr Koch bezieht die China (brachenüblicher Ausdruck für Chinarinde) direkt aus den Seehäfen. Seine Fabrikate sind von einer in der That nicht zu übertreffenden Qualität und von einer Billigkeit, die vermuthen läßt, daß er im Besitz eines zweckmäßigen Verfahrens ist. Man weiß, daß die China mit zu den theuersten Rohstoffen gehört. Ein Centner China liefert nur für den allerglücklichsten Fall höchstens 3 Pfund schwefelsauren Chinin’s. Nicht selten hat Herr Koch, wie wir aus sicherer Quelle angeben können, über drei Zentner von diesem Präparate, wozu also mindestens 100 Centner China gehören, vorräthig, woraus der Umfang des Geschäftes zu ersehen ist.

Friedrich Koch verkaufte 1850 die Löwen-Apotheke (Labor und erste Produktionsstätte) und baute die erste pharmazeutische Fabrik Deutschlands im Anwesen Wormser Straße 62, dem ehemaligen Besitz der Herren von Rodenstein/Schmittberg, in dem auch heute noch seine Nachfahren als Weingutsbesitzer leben.

 

Das Ende der Chininfabrik

Nach seinem Tode 1865 übernahm sein Sohn Carl Koch, der spätere Bürgermeister und Ehrenbürger der Stadt Oppenheim, die Fabrik. Er hatte große Erfolge und errang Medaillen auf den Weltausstellungen in London und Wien.

1888 entschied er sich dennoch, aus wirtschaftlich strategischen Gründen, den Fabrikbetrieb einzustellen und sich auf sein Weingut zu konzentrieren, das neben der Chininfabrik existierte. Die immer anspruchsvolleren Auflagen der Arzneimittelbücher bezüglich der Reinheit, der zunehmenden Konkurrenzdruck verbunden mit einem starken Preisverfall auf dem Weltmarkt hätten ihn gezwungen, den Betrieb erheblich zu vergrößern.


Anmerkungen

  1. auf der Familienhomepage steht 17. August: noch zu klären!!
  2. siehe Geschichtsinfo und Bilder auf Homepage Hotel Merian
  3. hier steht auch die schöne aber möglicherweise erfundene Geschichte über die Herkunft des Namens Chinin
  4. aus der Familien-Homepage www.ck-wein.de

Quellen

  • Horst, Dr. Dieter: Biographie „Friedrich Carl Koch“ veröffentlicht in "Oppenheim, Geschichte einer alten Reichsstadt" (anlässlich der 750jährigen Wiederkehr der Stadterhebung), Oppenheim 1975, Seiten 252-254, Herausgeber: Dr. Hans Licht (Stiftung Dr. Martin Held)
  • Wernher, Hellmut : „Oppenheim als Wiege der Pharma-Industrie", Artikel in der Mainzer Allgemeinen Zeitung vom 30. November 1999 über einen Vortrag des Wiesbadener Chemikers Dr. Ernst Schwenk veröffentlicht in Oppenheimer Hefte Nr. 21 – Mai 2000, Seite 72, ISBN 3-87854-150-3 (Herausg. Oppenheimer Geschichtsverein, Schriftltg. Dr. Martin Held)
  • Schwenk, Dr. Ernst: „Die Wiege der Pharma-Industrie stand in Oppenheim", veröffentlicht in Oppenheimer Hefte Nr. 22 – Dez 2000, Seiten 2-21, ISBN 3-87854-154-6 (Herausg. Oppenheimer Geschichtsverein, Schriftltg. Dr. Martin Held)
 
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