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Kernenergie nach Ländern



Dieser Artikel listet die aktuelle Situation der zivilen Nutzung der Kernenergie nach einzelnen Ländern auf.

Einige Länder haben sich für ein vorzeitiges Schließen von Kernkraftwerken entschieden oder weitere Neubauten ausgeschlossen ("Atomausstieg"). Andere Länder erwägen einen weiteren Ausbau der Kernenergie. Des Weiteren sind (vor allem im asiatischen Raum) Neueinsteiger in die Kernenergie zu finden. Die große Mehrheit der Staaten nutzt derzeit jedoch keine KKWs und hat sie auch nie genutzt.

Die Angaben auf diesem Artikel spiegeln die Entwicklung der gegenwärtigen Atompolitik wider. Eine (zukünftige) Änderung kann etwa durch einen Regierungswechsel oder einen Schock, wie die Katastrophe von Tschernobyl, ausgelöst werden. Allerdings gibt es in der Energiepolitik eine relativ hohe Pfadabhängigkeit. Einmal getroffene Entscheidungen wirken lange nach. Dies hängt zusammen mit:

  • hohen Investitionen in Kraftwerke jeglicher Art, die über Jahrzehnte bestehen bleiben;
  • gesellschaftlichen und politischen Einstellungen für oder gegen Kernenergie, die sich nur langsam ändern;
  • technischem Know-How, z.B. Fachleute, die ausgebildet wurden oder werden müssen.

Lediglich in Italien wurde innerhalb kurzer Zeit ein vollständiger Atomausstieg vollzogen. In anderen Ländern zieht es sich über mehrere Legislaturperioden hin und wird zum Teil hinausgezögert. Beispiele hierfür sind Schweden und die Niederlande. Dennoch ist auch in diesen Ländern kein Neubau von Atomkraftwerken zu erwarten. In verschiedenen Ländern und einigen Standorten in Deutschland wurden Atomkraftwerke (teilweise) gebaut, sind aber nie in Betrieb genommen worden.  

Inhaltsverzeichnis

Atomausstieg vollständig vollzogen

Italien

Italien hat den Atomausstieg innerhalb von nur drei Jahren abgeschlossen. Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 gab es ein Referendum, mit dem der Atomausstieg beschlossen wurde. Von 1987 bis 1990 wurden alle vier Kernkraftwerke Italiens abgeschaltet. Italien importiert derzeit allerdings einen großen Teil seines Strombedarfs. So belief sich der Nettoimport Italiens im Jahr 2004 auf knapp 16% der gesamten Nettostromerzeugung des Landes. Einen erheblichen Anteil an den Importen haben Atomstrom aus der Schweiz und aus Frankreich. Der Ausstieg ist weiterhin ein Streitpunkt in der italienischen Politik. Im Oktober 2005 gab Umweltminister Altero Matteoli seine Ansicht kund, die Atomenergie innerhalb von 10 bis 15 Jahren zur wichtigsten Energiequelle zu machen. Mittlerweile hat in Italien jedoch ein Regierungswechsel stattgefunden.

Ablehnende oder abwartende Haltung

Eine Reihe von Ländern hat den Atomausstieg beschlossen und unter Umständen bereits einen Teil der Atomkraftwerke abgestellt. In einigen Ländern gibt es keine konkreten Ausstiegspläne für die existierenden Kraftwerke, aber der Neubau wurde - zum Teil befristet - verboten.

Belgien

Der belgische Atomausstieg wurde 1999 von der damaligen Regierung (Flämische Liberale, Demokraten und Grüne) beschlossen und gesetzlich festgelegt. Die Abschaltung der sieben belgischen Reaktoren erfolgt stufenweise über 40 Jahre, der Bau neuer Atomkraftwerke wurde verboten. Als das Gesetz verabschiedet wurde, spekulierten viele, dass es eine größere Überarbeitung durch neue Regierungen ohne die Beteiligung der Grünen geben würde. [1]

2003 wurde eine neue Regierung ohne die Beteiligung der Grünen gewählt. Dennoch scheint es bis heute (2005) nicht so auszusehen, als ob am belgischen Atomausstieg Änderungen durchgeführt würden, zumal der Unfall im Kernkraftwerk Tihange am 22. November 2002 große Teile der Öffentlichkeit vom Ausstieg überzeugte [2].

Deutschland

In Deutschland ist der Atomausstieg in einem Vertrag der Bundesrepublik mit den Betreibergesellschaften geregelt, dem so genannten Atomkonsens. Auf Grundlage des Vertrags wurde das Atomgesetz novelliert. Ausgehend von einer Regellaufzeit von etwa 32 Jahren bestimmt der Vertrag genau, welche Reststrommengen ein Kraftwerk in den Betriebsjahren noch produzieren darf. Das Übereinkommen zwischen Regierung und Stromkonzernen war von langen Verhandlungen geprägt. Demnach würde das letzte Kernkraftwerk im Jahre 2021 abgeschaltet. Vom Netz genommen wurden inzwischen die Kernkraftwerke Stade (am 14. November 2003) und Obrigheim (am 11. Mai 2005). Der Abbau des Letzteren soll erst im Jahr 2007 beginnen.

Schweden

Nach der teilweisen Kernschmelze in Three Mile Island in den USA (1979) wurde in Schweden eine Volksabstimmung gegen Kernenergie erfolgreich durchgeführt. Dies hatte zur Folge, dass das Parlament 1980 entschied, keine weiteren Atomkraftwerke mehr zu bauen und die vier vorhandenen bis 2000 abzuschalten.

Dieser Ausstiegsplan wurde nur teilweise vollzogen. Zwischenzeitlich versuchte eine konservative Regierung den Atomausstieg ganz auszusetzen, dies wurde jedoch durch starke Proteste aus der Bevölkerung verhindert. Mit dem Kernkraftwerk Barsebäck ist nach der Abschaltung des zweiten Blocks am 1. Juni 2005 das erste schwedische Kernkraftwerk vollkommen vom Netz.

Siehe auch: Wie ist der Stand beim Ausstieg aus der Kernenergie in Schweden?

Spanien

In Spanien wurden im vergangenen Jahrhundert zehn KKWs errichtet. 1983 wurde ein Moratorium verabschiedet. Trotzdem wurden noch mehrere Kernkraftwerke fertiggestellt. Weitere Neubaupläne wurden allerdings immer wieder verschoben und 1994 endgültig eingestellt. Im selben Jahr wurde auch der Reaktor Vandellos 1 aus Sicherheitsgründen stillgelegt.

Mit dem Regierungswechsel 2004 hat sich die Atompolitik gewandelt. Die neue Regierung unter Führung der Sozialisten will bis 2024 aus der Atomkraft aussteigen.

Siehe auch: Wie ist der Stand beim Ausstieg aus der Kernenergie in Spanien?

Aktive Nutzung der Kernenergie

Armenien

In Armenien gibt es einen aktiven Druckwasserreaktor vom sowjetischen Typ WWER-440/270 im Kernkraftwerk Mezamor. Die Abschaltung ist für 2016 geplant, gleichzeitig bestehen Planungen für einen Neubau, die aber noch kein konkretes Stadium erreicht haben.

Brasilien

Brasilien hat derzeit zwei aktive Atomreaktoren, Angra 1 und 2. Seit 30 Jahren ist ein dritter Reaktor am gleichen Standort in Planung und im Bau. Eine Fertigstellung des Baus ist derzeit nicht abzusehen.

Bulgarien

Bulgarien hat derzeit zwei von ursprünglich sechs aktiven Atomreaktoren am Standort Kosloduj. Vier Blöcke mussten im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt abgeschaltet werden. In Belene gibt es ein Projekt für ein neues KKW, um den Produktionsausfall durch die Abschaltung der Blöcke in Kosloduj aufzufangen.

China

China hat aufgrund seines enormen Wirtschaftswachstums einen extrem großen Energiebedarf festgestellt. Der größte Teil der Energie soll durch Kohle gedeckt werden. Jedoch sollen 100 neue Kernkraftwerke zur Energieversorgung beitragen.

Finnland

Finnland hatte 1993 aufgrund erheblicher öffentlicher Proteste die Planung für den Neubau von Atomkraftwerken gestoppt. Derzeit werden vier KKWs betrieben und es wurde in Olkiluoto mit dem Bau eines fünften begonnen, dem ersten Europäischen Druckwasserreaktor (EPR).

Frankreich

Frankreich bezieht etwa 80% seiner elektrischen Energie aus Kernenergie und hat damit eine der höchsten Quoten weltweit. Ein großer Teil des erzeugten Stroms wird exportiert, unter anderem nach Timbuktu und Fidschi. Es plant derzeit, mindestens 56 neue EPR zu errichten.

Großbritannien

Großbritannien betreibt derzeit 14 kommerzielle KKWs. Im November 2005 hat Premierminister Tony Blair dafür plädiert, eine ideologiefreie Debatte über den Neubau von einigen KKWs neuester Bauart zu führen. Nach Einschätzung der BBC ist Mitte 2006 mit einer Entscheidung für oder gegen neue KKWs zu rechnen.

Japan

Japan betreibt derzeit 54 Kernkraftwerke mit einer Kapazität von knapp 48.000 Megawatt, was knapp einem Drittel des Verbrauchs entspricht. Des Weiteren sind 15 Versuchsreaktoren in Betrieb. Das Langzeitprogramm der Regierung sieht vor bis 2010 die Kapazität durch neue KKWs auf 70.000 Megawatt zu erhöhen. Derzeit sind 15 weitere Reaktoren in Planung bzw. bereits im Bau.

Niederlande

In den Niederlanden entschied sich 1994 das Parlament für einen Atomausstieg, nach einer langen Diskussion über die Lagerung von Atomabfällen. Der erste Reaktor in Dodewaard wurde 1997 abgeschaltet, und es wurde beschlossen, den zweiten niederländischen Reaktor, in Borssele, Ende 2003 abzuschalten. 2003 wurde die Abschaltung durch einen Gerichtsentscheid ausgesetzt und von einer konservativen Regierung auf 2033 verschoben.

Rumänien

In Rumänien wird derzeit am Standort Cernavoda ein Atomkraftwerk betrieben. Im Juni 2006 wurde seitens eines großen deutschen EVU ein neues Kernkraftwerksprojekt für Rumänien angekündigt.

Schweiz

In der Schweiz wurden am 18. Mai 2003 die beiden Kernenergie-Ausstiegsinitiativen Strom ohne Atom und Moratorium Plus (für die Verlängerung des Atomkraftwerk-Baustopps und die Begrenzung des Atomrisikos) abgelehnt (Moratorium Plus: 41,6 % Ja, 58,4 % Nein; Strom ohne Atom: 66,7 % Ja, 33,3 % Nein).

Slowenien

Slowenien wird sein einziges Kernkraftwerk in Krško voraussichtlich 2023 abschalten und keine weiteren Kernkraftwerke bauen. Dies ist das einzige Kernkraftwerk der ehemaligen Volksrepublik Jugoslawien.

USA

Die USA haben in letzten Jahren einen großen Bedarf an neuen Energiequellen festgestellt. Der wachsende Bedarf soll durch neue Anlagen verschiedenster Arten gedeckt werden. Unter anderem ist vorgesehen, die Lizenzen für bestehende KKWs zu verlängern und sechs neue KKWs zu errichten.

Länder ohne Nutzung der Kernenergie

Zahlreiche Länder haben Kernenergie nie zur Energiegewinnung genutzt. Eine politische Debatte über einen Ausstieg erübrigt sich daher. Dazu gehören etwa die meisten Länder in Afrika, Lateinamerika und Asien (vergleiche Liste der Kernkraftanlagen). Einer der Gründe dafür ist eine mangelnde wirtschaftliche Entwicklung zu Zeiten, als viele kommerzielle KKWs gebaut wurden (1970er); anders herum steigen derzeit einige wirtschaftlich prosperierende asiatische Staaten in die Kernenergie ein.

In vielen Fällen, vor allem in Europa, ist ein Ausstieg dagegen eine bewusste Entscheidung der entsprechenden Regierung. Einige dieser Länder setzen sich auch in ihrer Außenpolitik gegen Atomkraft ein.

In Irland wurde 1968 das erste Kernkraftwerk geplant und in den 1970ern gebaut in Carnsore Point im County Wexford. Zunächst war lediglich ein Reaktor geplant, schließlich wurden es dann vier. Allerdings wurde der Bau nach starken Protesten von irischen Umweltschützern eingestellt. Seitdem ist Irland frei von Atomanlagen.

Österreich nahm sein einziges, in Niederösterreich errichtetes Kernkraftwerk Zwentendorf nie in Betrieb, da es 1978 durch eine Volksabstimmung abgelehnt wurde, und setzt sich auch in der Außenpolitik gegen Atomkraft ein; unter anderem gegenüber der Tschechischen Republik und gegen die Europäische Atomgemeinschaft der EU. Am 9. Juli 1997 entschied sich das Parlament für die Beibehaltung der Anti-Atompolitik.

Auf den Philippinen (in Südostasien) wurde 2004 von Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo eine neue Energieleitlinie vorgeschlagen. Die Leitlinie sieht eine stärkere Nutzung der heimischen Öl- und Gasreserven vor, ebenso wie die verstärkte Nutzung von erneuerbaren Energien, unter anderem Kokos-Diesel. Das einzige vorhandene, aber nie in Betrieb genommene Kernkraftwerk in Bataan soll danach in ein Gaskraftwerk umgebaut werden.

Besonders scharfe Gesetze gegen Atomenergie hat Neuseeland, das seit 1984 frei von Nukleartechnik ist und 1987 den New Zealand Nuclear Free Zone, Disarmament, and Arms Control Act verabschiedet hat. Dieses Gesetz verbietet insbesondere auch die Stationierung von Atomwaffen, sowie das Befahren neuseeländischer Gewässer mit atomangetriebenen Fahrzeugen.

Im Juli 2000 hat die Regierung der Türkei entschieden, das umstrittene Kernkraftwerk in Akkuyu nicht zu bauen. Die Atompolitik des Landes ist allerdings wechselhaft.

Einige weitere europäische Länder, die keine Kernenergie nutzen, sind unter anderem Dänemark, Estland, Griechenland, Lettland, Luxemburg, Norwegen, Polen, Portugal.

Siehe auch

  • Internationale Atomenergieorganisation
  • Weltenergieverbrauch

Fußnoten

  1. http://www.scientific-alliance.org/pdf/essential_programme_to_underpin_government_policy_on_nuclear_power.pdf PDF
  2. http://www10.antenna.nl/wise/index.html?http://www10.antenna.nl/wise/582/5485.html
 
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