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Explosion in Toulouse



  Die Explosion in Toulouse von 2001 war eine Chemiekatastrophe großen Ausmaßes. Am 21. September 2001 kam es in der zu TotalFinaElf gehörenden Düngemittel-Fabrik AZF (Azote Fertilisants) im französischen Toulouse zur Explosion von mehreren hundert Tonnen Ammoniumnitrat in einer Deponie für chemische Abfälle (spätere Untersuchungen ergaben, dass davon nur etwa 40 t wirklich detonierten). Bei der Explosion wurden große Teile der Stadt beschädigt, insbesondere durch berstende Fensterscheiben; 31 Menschen starben, mehrere tausend wurden verletzt. Die Explosion ähnelte in ihrem Anlass und Ausmaß der Explosion des Oppauer Stickstoffwerkes 1921, welche sich an jenem Tag zum 80. Mal jährte. Die Ursache des Unglücks ist unklar.

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Inhaltsverzeichnis

Tote und Verletzte

Die offizielle Bilanz geht von 30 Toten aus, davon 21 auf dem Firmengelände Beschäftigte, unter denen 10 Angestellte der „Grande Paroisse“ (Betreiberfirma der AZF) waren. Weiterhin gab es über 2.500 Schwer- und etwa 8.000 Leichtverletzte in den umliegenden Stadtvierteln, meist getroffen durch von der Druckwelle verursachte Glassplitter, Schutt und Trümmerteile. Es gab unzählige Opfer psychischer Auswirkungen (Depressionen, Angstzustände, Schlaflosigkeit), von denen 18 Monate später noch 14.000 in Behandlung waren.

Sachschäden

  Es gab erhebliche Gebäudeschäden im ganzen südwestlichen Stadtgebiet, an Wohnungen, Industrie- und anderen Unternehmen, und an öffentlichen Einrichtungen (Schwimmbäder, Turnhallen, Konzertsäle, Schulen, Kindergärten, Universität (UTM II), Busdepot u. a.). Die Schäden werden auf insgesamt 1,5 Mrd. Euro beziffert.

Die Zukunft des Firmengeländes

Ein Weiterführen der industriellen Tätigkeit wäre in Toulouse schwer durchsetzbar gewesen, und so wurde die Firma AZF gegen den Willen der 450 dort Beschäftigten für immer geschlossen, sämtliche noch stehenden Gebäude und Industrieanlagen abgetragen und das Erdreich des gesamten Werksgeländes dekontaminiert. Aus mehreren Vorschlägen für die Neugestaltung des Gebiets wurde derjenige des damaligen Bürgermeisters von Toulouse Philippe Douste-Blazy (kurz darauf zum Gesundheitsminister ernannt) ausgewählt: Die Einrichtung eines internationalen Krebsforschungszentrums, das im Laufe des Jahres 2012 eröffnet werden soll.

Unglücksursache

Die Neutralität dieses Artikels oder Absatzes ist umstritten. Die Gründe stehen auf der Diskussionsseite. Entferne diesen Baustein bitte erst, wenn er nicht mehr nötig ist!

Nur drei Tage nach der Explosion erklärte der Staatsanwalt ohne Aufführung eines Beweises, dass es sich zu 99 % um einen Unfall handele. Dabei steht dieser Beweis heute immer noch aus.

These des Staatsanwalts (offizielle These bis heute, aber unwahrscheinlich): Ein Angestellter hätte eine Viertelstunde vor der Explosion versehentlich 500 kg Chlor für Schwimmbäder (DCCNa - Natrium-Dichlorisocyanurat) auf eine Ammoniumnitrat-Halde in einer der Lagerhallen gekippt. Dabei ist es kaum möglich, beide Stoffe zu verwechseln. Internationale Untersuchungen konnten zudem nicht nachweisen, dass es durch den Kontakt beider Stoffe zu einer solchen Explosion kommen kann.

Attentat: Da die Explosion nur 10 Tage nach dem 11. September (World Trade Center, Pentagon) stattfand, lag dieser Gedanke zunächst nahe. Diese Möglichkeit wurde aber von offizieller Seite immer ausgeschlossen und es gab auch keine ernsthafte Verantwortungserklärung einer terroristischen Organisation. Gegen ein Attentat sprechen auch die Aussagen von etwa 200 Zeugen, die von elektromagnetischen Erscheinungen (Feuerkugeln, Lichtbogen) am Vorabend, vor und während der Explosion berichten.

Erdbeben: Elektromagnetische Erscheinungen können in seltenen Fällen bei Erdbeben auftreten (z.B. in Rumänien 1940). Eine solche Erschütterung wurde seismographisch gemessen, angeblich kurz vor der Explosion. Jedoch ist die genaue zeitliche Abfolge nicht nachvollziehbar, so dass es sich auch um die Folge der Explosion gehandelt haben könnte. Versuche haben aber gezeigt, dass eine Entladung von 63 kV in einen Haufen Ammoniumnitrat keine Auswirkung hat.

Hydrazin (These der französischen Wochenzeitschrift Valeurs Actuelles Juli 2006): In der benachbarten SNPE (Pulverfabrik; u.a. Fabrikation der Ariane-Feststoffraketen) wird UDMH (unsymmetrisches Dimethylhydrazin) hergestellt. Am Tag der Explosion war der Betrieb wegen Wartungsarbeiten eingestellt und eine große Menge UDMH vor Ort gelagert. UDMH-Dämpfe sind schwerer als Luft, greifen Schleimhäute und Augen an und haben einen stechenden Ammoniakgeruch. An mehreren Explosionsopfern wurden Verletzungen festgestellt, die darauf zurückzuführen sein könnten, und Zeugen haben den Geruch nach Ammoniak und verdorbenen Fischen erwähnt, den der Wind vom SNPE-Gelände herübertrug. Mit der Umgebungsluft bildet UDMH ein explosives Gemisch, welches der Wind an jenem Tag direkt in den Nitratgranulat-Kühlturm und den Hangar 221 der AZF geweht haben könnte. Aus dem Kühlturm wird heiße Luft durch zwei Ventilatoren hinausbefördert, wobei das UDMH-Gemisch beim Zünden den Eindruck gegeben haben kann, dass ein Blitz den Turm trifft, während gleichzeitig der ganze Turm explodierte. Das UDMH hätte sich weiter ausgebreitet bis zum Hangar 221, in welchem Hunderte Tonnen Ammoniumnitrat lagerten und dessen Tore in diesem Moment in Windrichtung geöffnet waren.

UDMH reagiert mit Ammoniumnitrat zu Astrolit, einem Flüssigsprengstoff, der fälschlicherweise als stärkster konventioneller Sprengstoff gilt. In der dort gegebenen Menge hätte Astrolit vermutlich genügend Sprengkraft gehabt. Eine Erklärung für die Zündung des Luft-UDMH Gemischs wäre entweder ein Kontakt von UDMH mit Chromtrioxid (dient zur Messung des Kohlenmonoxidgehalts auf dem Werksgelände; 11kg davon wurden im Werkslabor kurz zuvor entwendet), oder ein Elektrizitäts-Störfall in der SNPE.

E-Bombe (These von Daniel Dissy): In seinem Buch AZF-Toulouse: quelle vérité? berichtet Daniel Dissy von der Existenz einer neuartigen Bombe mit elektromagnetischer Wirkung, kurz E-Bombe genannt, welche in Toulouse angewendet oder getestet worden sein soll.

Verlauf

Am 21. September 2001 um 10:17 Uhr ereignete sich der Unfall. Nach einer Serie von kurzen kleinen Explosionen explodierten ein Nitrat-Silo und zwei angrenzende Lagerhallen. Dabei explodierten rund 300 Tonnen des Düngemittels Ammoniumnitrat.

In dem Werk arbeiteten 460 Beschäftigte in drei Schichten. Zwei Schornsteine stürzten ein, und von den zwei Hallen im Zentrum der Explosion blieb nur ein zehn Meter tiefer und fünfzig Meter breiter Krater übrig.

Nach dem ersten Schock entdeckten die Zeugen und verletzten Opfer das Ausmaß der Schäden: Die Industriezone bot ein Bild der Verwüstung wie nach einem Fliegerangriff oder einem schweren Erdbeben. In den rauchenden Trümmern der verwüsteten Fabrik leisteten Angehörige der Betriebsfeuerwehr und freiwillige Helfer aus der Nachbarschaft Erste Hilfe. Sehr schnell organisierten Polizei, Feuerwehr und Zivilschutz ihren Einsatz. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, zu Hause zu bleiben und die Fenster zu verriegeln, da die Gefahr bestünde, dass aus der zerstörten Werkanlage giftige Gase ausströmten. Über der Unglücksstelle roch es nach Ammoniak. Eine rötliche Wolke bewegte sich außerdem zuerst in nördlicher Richtung zur Stadtmitte hin und später nach Westen.

Die Druckwelle schleuderte ganze LKW-Züge durch die Luft, brachte ein nahe gelegenes Einkaufszentrum zum Einsturz und beschädigte alle umliegenden Gebäude schwer. Im Umkreis von fünf Kilometern gingen die Fensterscheiben zu Bruch. An einer Mittelschule in der Nachbarschaft wurden zahlreiche Schüler verletzt. Die Stadtautobahn in Richtung Süden wurde durch einen Schutthagel und Steinbrocken in ein Trümmerfeld verwandelt, zahlreiche Autos zerstört, ihre Fahrer verletzt.

Noch im drei Kilometer entfernten Stadtzentrum löste die Detonation eine Panik aus. Das Telefonnetz brach zusammen. Wegen der sich in Richtung Stadtzentrum bewegenden Gaswolke roch es stechend nach Ammoniak. In der Innenstadt wurden Atemschutzmasken verteilt. Die Untergrundbahn von Toulouse wurde wegen eindringenden Rauchs evakuiert. Die Bevölkerung wurde gewarnt, in den Häusern zu bleiben und die Fenster zu schließen, was für viele ein Problem war, da ihre Fensterscheiben soeben zu Bruch gegangen waren.

Der Flughafen Toulouse-Blagnac und der Hauptbahnhof Toulouse-Matabiau wurden geschlossen und 90 Schulen evakuiert. Die Einwohner wurden über Radio aufgefordert, kein Leitungswasser zu trinken und möglichst wenig Wasser zu verbrauchen. Als viele Menschen versuchten, in ihrem Auto aus der Stadt herauszukommen, fanden sie die südlichen Ausfallstraßen und die Ringstraße um das Zentrum herum polizeilich abgesperrt.

In Frankreich gibt es keine Mengenbegrenzung beim Lagern von Ammoniumnitrat. Aus jahrzehntelanger Erfahrung weiß man, dass drei Dinge zusammenkommen müssen, um den Stoff zur Detonation zu bringen: erstens eine den Druckaufbau begünstigende Ummantelung, zweitens der Zusatz von brennbarem Material wie Heizöl oder Chlor, drittens eine Initialzündung durch Dynamit oder durch sehr hohe Temperaturen. Als wahrscheinliche Ursache der enormen Explosion gilt eine Erhitzung in einem Silo mit darin gelagertem Ammoniumnitrat. Unklar bleibt jedenfalls, weshalb sich dieses aus der Produktion ausgesonderte Ammoniumnitratgranulat über die kritische Grenze hinaus erwärmt haben könnte. Eventuell sind die Nitratkörner aus der Produktion gezogen worden, weil sie instabil waren. Vermutlich kam es durch einen jahrzehntelangen Zerstreuungsprozess zur Selbstzündung.

Das Werk stand ursprünglich außerhalb der 650.000 Einwohner fassenden Stadt, doch Toulouse mit seiner Raum- und Luftfahrtindustrie entwickelte sich so rasch, dass die Industriezone seit längerem von Wohnquartieren umgeben ist. Außerdem befinden sich neben dem AZF- Werk noch zwei weitere höchst riskante Unternehmen: Tolochimie und SNPE, die Treibstoff für die Ariane- Raketen herstellt. Bereits in den Jahren 1988 und 1989 haben Umweltschützer wiederholt auf die extremen Gefahren und ungenügenden Sicherheitsvorkehrungen der Industriezone von Toulouse aufmerksam gemacht. Wegen „einer politischen Erpressung mit Arbeitsplätzen“ wurde jedoch nichts an dieser gefährlichen Situation geändert.

In den Mitte der zwanziger Jahre gebauten Lagerhallen des AZF- Werkes gab es weder Temperatur- noch Feuchtigkeitssensoren. Auch Videokameras zur Überwachung der Lagerbestände fehlten. Die Betonplatte, die die eingelagerten 300 Tonnen Ammoniumnitrate vor Kontakt mit dem Boden schützen sollte, war 1930 gegossen worden. Offenbar verfügte das Lager nicht über die in Deutschland vorgesehenen Schutzwälle zur Trennung größerer Mengen der Substanz. Die Lagerhallen waren vornehmlich für Ammoniumnitrate reserviert, da sie wegen technischer Mängel nicht vermarktet werden konnten.

Staatliche Inspektoren hatten es bei ihren Routinevisiten auf dem Fabriksgelände in den vergangenen Jahren nicht für nötig gehalten, die Lagerhallen zu überprüfen. Beim letzten Kontrollbesuch vor der Explosion im Mai suchten die Inspektoren die Lagerhallen nicht auf. Den Rettungsmannschaften, die kurz vor der Explosion anrückten, konnte von der Firmenleitung kein Lageplan ausgehändigt werden. Für einen Notfall schien die Düngemittelfabrik nur unzureichend ausgerüstet zu sein. So warnte nach der Explosion kein Sirenenalarm die Bevölkerung in den benachbarten Wohngebieten vor möglichen Gesundheitsgefahren. Die Alarmierungsanlage war an einer Wand angebracht, die durch die Explosion umstürzte. In den Notfallplänen gab es Vorschriften für 24 Arten von Unfällen, der Ernstfall Explosion fehlte jedoch, obwohl die latente Explosionsgefahr von Ammoniumnitrat seit langem bekannt ist.

Die Behörden gaben frühzeitig Entwarnung und teilten der Bevölkerung im Radio mit, bei ersten Messungen hätten keinerlei gesundheitsgefährdeten Schadstoffe festgestellt werden können. Erst am nächsten Tag erfuhren Zeitungsleser, dass drei der fünf Luftmessstationen durch die einem Erdbeben der Stärke 3.4 gleichenden Druckwelle nach der Explosion beschädigt worden waren. Die zwei funktionierenden Messstationen befanden sich in sicherer Entfernung von der Fabrik und der austretenden Ammoniakwolke. Auch über die Verschmutzung des Trinkwassers wurden die Bewohner im Ballungsraum von Toulouse nur schrittweise unterrichtet. In 14 Kommunen, die mit aufbereitetem Trinkwasser aus dem Fluss Garonne versorgt wurden, wurde den Bürgern empfohlen, kein Trinkwasser zu konsumieren. In der Stadt Toulouse wurde den Einwohnern versichert, das Trinkwasser sei von einwandfreier Qualität. Warnungen zum Konsum von Gemüse oder Obst, das in der Gegend angebaut wird, blieben aus.

Literatur

  • Daniel Dissy: AZF-Toulouse, Quelle vérité? Library of Congress Control No: 20073703872006, ISBN 2-915681-30-9.

Koordinaten: 43° 43' 2" N, 1° 25' 39" O

 
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