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Lorazepam



Steckbrief
Name (INN) Lorazepam
Wirkungsgruppe

Benzodiazepine Anxiolytika

Handelsnamen

Ativan, Temesta®, Ativan ® (CH), Laubeel®, Lorazepam dura®,Neuraxpharm® D, Somagerol®, Tolid®,Tavor ®

Klassifikation
ATC-Code BA06
CAS-Nummer 846-49-1
Verschreibungspflichtig: JA


Fachinformation (Lorazepam)
Chemische Eigenschaften

IUPAC-Name: 7-Chlor-5-(2-chlorphenyl)-2,3-dihydro-3-hydroxy-1H-
1,4-benzodiazepin-2-on
Summenformel C15H10Cl2N2O2
Molare Masse 321,16 g/mol

Lorazepam, (Handelsnamen u.a. Tavor®, Temesta®, Ativan®) ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Benzodiazepine, der als hochwirksames Anxiolytikum, Antikonvulsivum und Sedativum in der Intensivmedizin und Psychiatrie eingesetzt wird.

Weiteres empfehlenswertes Fachwissen

Inhaltsverzeichnis

Klinische Angaben

Anwendungsgebiete (Indikationen)

Lorazepam hat unter den Benzodiazepinen eine mittlere Halbwertszeit. Die Wirkung tritt relativ schnell ein. Allerdings besteht dadurch auch ein stark erhöhtes Abhängigkeitsrisiko. Wie alle Benzodiazepine sollte es nur in akuten Notsituationen angewandt und eine regelmäßige Einnahme über einen längeren Zeitraum vermieden werden.

Lorazepam wird verabreicht zur:

  • Behandlung von Unruhestörungen (speziell Panikattacken)
  • Kurzzeitbehandlung von Insomnie, besonders wenn diese mit starken Unruhezuständen verbunden sind
  • Behandlung von Symptomen verbunden mit Alkoholentzügen und Opiatentzügen
  • Langzeitbehandlung von sonst resistenten Formen der Epilepsie sowie generelle Akutbehandlung
  • Intensive Therapie des Status epilepticus
  • Intensive Therapie von katatonen Zuständen alleine/oder mit Haloperidol
  • Behandlung eines akuten Deliriums, bevorzugterweise zusammen mit Haloperidol
  • Unterstützende Therapie bei Unwohlsein/Erbrechen häufig in Verbindung mit einer Krebs-Chemotherapie, gewöhnlich zusammen mit Firstline Antiemetika wie 5-HT3-Antagonisten
  • Unterstützende Therapie gegen Übelkeit mit regelmäßigem Erbrechen
  • Als eine Vormedikation,
    • um unangenehme Eingriffe wie bei der Endoskopie und Zahnchirurgie zu erleichtern
    • um die Wirkung des Hauptanästhesiemedikamentes zu erhöhen
    • um eine anterograde Amnesie für den Zeitraum des Eingriffes zu erreichen

Dosierung, Art und Dauer der Anwendung

Die tägliche Dosis variiert stark, von 0,5 mg vor dem Schlafengehen bei Schlaflosigkeit bis zu 2,5 mg alle 6 Stunden bei intensiver Behandlung.

Katatonie mit der Unfähigkeit zu sprechen spricht sehr auf eine Dosis von 2 mg oral oder langsam intravenös injiziert an. Die Katatonie kann wiederkehren, und eine Behandlung über ein paar Tage könnte notwendig sein. Mitunter wird Haloperidol begleitend verabreicht.

Die Kontrolle von status epilepticus benötigt langsame intravenöse Injektionen von 2 bis 4 (oder sogar 8) mg. Patienten sollten genauestens ob des Auftretens von Atemnot und hypotonen Auswirkungen beobachtet werden.

In jedem Fall muss die Dosierung auf jeden Patienten individuell erfolgen, speziell bei älteren und geschwächten Patienten, bei denen die Gefahr größer ist, den Patienten zu stark zu sedieren. Die Sicherheit und Effektivität von Lorazepam bei Kindern unter 18 Jahren ist nicht gut erforscht, es wird jedoch benutzt, um aufeinanderfolgende Krampfanfälle zu behandeln. Bei höheren Dosierungen (bevorzugterweise intravenös) ist der Patient häufig nicht in der Lage, sich an unschöne Ereignisse (anterograde Amnesie) wie therapeutische Eingriffe (Endoskopien etc.) zu erinnern. Dieser Effekt ist erwünscht. In der Paliativmedizin, v.a. zum Einsatz im Hospitzdienst, ist dieses Medikament sehr gut einsetzbar, da eine gewünschte Anxiolyse, abschirmende Sedierung und Entspannung erzielt wird.

Aufgrund der unabsehbaren Residualwirkungen von Lorazepam wie Müdigkeit, Schwindelgefühle und niedrigem Blutdruck sollte der Patient nach der Injektion des Medikamentes normalerweise nicht aus dem Krankenhaus entlassen werden, bevor 12 Stunden vorüber sind oder eine verlässliche Person ihn in Obhut nehmen kann (Familie, Freunde etc.). Auch sollte der Patient in den 12 Stunden nach Verabreichen des Medikaments weder autofahren noch Maschinen bedienen.

Nachteile

Lorazepam kann, wie andere Benzodiazepine, psychisch und/oder physisch abhängig machen. Entzugserscheinungen, ähnlich im Auftreten wie die von Alkohol und Barbiturat, wurden nach abrupter Einstellung beobachtet, und deshalb ist eine schrittweise Absetzung über einen Zeitraum von Wochen oder Monaten, abhängig von der Zeit, in der es eingenommen wurde, sowie der Dosierung, empfohlen.

Die Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs, der Abhängigkeit und der Entzugserscheinungen sind bei Lorazepam wesentlich höher als bei anderen Benzodiazepinen, wegen seiner kurzen Halbwertszeit, höheren Potenz und stärkeren Bindung an den GABA-Rezeptor-Komplex. In diesem Zusammenhang verhält es sich wie Alprazolam (kurze Halbwertzeit und hohe Potenz) und Clonazepam (lange Halbwertzeit und hohe Potenz). Alprazolam besitzt jedoch im Gegensatz zu Lorazepam zumindest einen wirksamen Metaboliten, wodurch der Benutzer die Beendigung der Wirkdauer des Wirkstoffes als weniger unangenehm empfindet und damit die Koppelung zwischen Medikament und Patient weniger stark ausgeprägt ist. Dies führt zu einer geringeren Wahrscheinlichkeit von psychischer Abhängigkeit.

Eine Langzeittherapie kann zu kognitiven Defiziten führen, ist bei Behandlungsabbruch jedoch reversibel.

Lorazepam kann, falls bei Schwangerschaft eingenommen, unter Umständen das ungeborene Kind schädigen, doch wurde das selten beobachtet. Nahe dem Geburtszeitpunkt verabreicht, kann Lorazepam beim Säugling eine Myotone Dystrophie und Entzugserscheinungen auslösen.

In einigen Fällen können Benzodiazepine paradoxe Effekte auslösen, wie gesteigerten Antrieb und Aggression. Einige Ärzte denken, diese Effekte könnten durch eine Enthemmung ausgelöst werden und deshalb bei Patienten, die aufgrund von vorher existierenden Persönlichkeitsstörungen möglicherweise unter dem Durchschnitt der Enthemmung liegen, häufiger auftreten. Paradoxe Effekte werden besonders häufig während einer Anwendung bei Manie und Schizophrenie beobachtet.

Missbrauch

Menschen mit einer für eine Sucht anfälligen Persönlichkeit und mit Erfahrungen beim Missbrauch von Substanzen neigen eher dazu, Medikamente wie Lorazepam zu missbrauchen.

  • Illegaler Einsatz von Lorazepam: Es wird vermutet, dass es als hochpotentes Benzodiazepin dazu benutzt wird, um die Wirkung von Stimulanzien abzustimmen oder bei einem durch LSD ausgelösten schlechten Trip zu helfen, sowie zusammen mit anderen Halluzinogenen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Lorazepam in der Drogenszene benutzt wird, um die euphorischen Effekte von Opiaten wie Heroin zu verstärken. Heroin und andere Drogen können mit Lorazepam geschnitten sein, dies ohne Wissen des Anwenders. Die Risiken beim Einsatz zusammen mit einem Opiat sind Atemdepression und sogar Atemstillstand. Am häufigsten wird Lorazepam illegal eingenommen, um sich zu entspannen, zu „chillen“. Viele nehmen daher das Medikament als „chill pill“ ein, was zur Abhängigkeit führen kann.

Handelsnamen und Darreichungsformen

Wichtiger Hinweis: Handelsnamen und Darreichungsformen von Arzneistoffen unterliegen keiner Standardisierung. Sie können sich daher in einzelnen Ländern unterscheiden.

Lorazepam wird unter anderem unter den Handelsnamen Tavor®, Ativan®, Temesta® (CH), Laubeel® und in Deutschland von verschiedenen Generika-Herstellern wie ratiopharm, Merck dura u.a. vertrieben.

Für Patienten, die unzureichend schlucken können, und in der Notfallmedizin gibt es mit Tavor®Expidet und Temesta®Expidet® eine sublinguale Verabreichungsform. Die Sofortlöslichkeit verhindert bei Non-Compliance-Patienten ein Zurückhalten im Mund. Die sublinguale Form wird aber nicht schneller resorbiert als die herkömmlichen Tabletten.[1]

Pharmakologische Eigenschaften

Aufnahme und Verteilung im Körper (Pharmakokinetik)

Lorezepam wird vom Körper nach jeglicher Art der Applikation (oral, sublingual, intravenös, intramuskulär) schnell und fast vollständig aufgenommen. Der Wirkungseintritt liegt bei wenigen Minuten nach intravenösen Injektionen, 30 bis 45 Minuten nach oraler/sublingualer Applikation sowie bei bis zu einer Stunde nach intramuskulären Injektionen.

Die Wirkungsdauer hängt von der Dosierung ab und liegt normalerweise bei 6 bis 12 Stunden. Die Halbwertszeit von Lorazepam in Patienten mit normalen Leberfunktionen beträgt zwischen 11 und 18 Stunden. Deshalb sind oft 2 bis 4 Tagesdosen nötig.

Toxikologie

Der LD50 beträgt für die Maus 3178 mg/kg und für die Ratte >5000 mg/kg bei oraler Applikation (Owen).

Geschichtliches

Lorazepam wurde 1963 von American Home Products (heutiger Name: Wyeth) patentiert und ist unter dem Markennamen Tavor® und als Generikum im Handel. Lorazepam ist als verkehrsfähiger und verschreibungsfähiger Stoff im BtmG 1981 Anlage III (zu § 1 Absatz 1) gelistet.

Der wohl prominenteste mit diesem Wirkstoff behandelte Patient im deutschsprachigen Raum dürfte der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel sein, der am 11. Oktober 1987 in einem Genfer Hotel tot aufgefunden wurde. Sein täglicher Konsum betrug zuletzt durchschnittlich 10,4 mg pro Tag.[2]

Quellen

  1. „Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie“, Benkert&Hippius, 5. Auflage, 2005, ISBN 3-540-21893-9
  2. Stern: Uwe Barschel: Deal mit Todesfolge, Nr. 38/2007
Bitte beachten Sie den Hinweis zu Gesundheitsthemen!
 
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Lorazepam aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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