31.08.2015 - Springer-Verlag GmbH

LCKW im Grundwasser: Gefahr aus der Vergangenheit

Stuttgarter Erfahrungen zeigen neue Untersuchungsmethoden und integralen Altlastenmanagementplan

Jeder Deutsche verbraucht täglich rund 120 Liter Trinkwasser. 65 Prozent davon werden aus dem Grundwasser gewonnen – einer unserer wichtigsten Ressourcen. In urbanen Räumen ist dessen Reinheit aber unter anderem durch den jahrzehntelangen Einsatz leichtflüchtiger chlorierter Kohlenwasserstoffe (LCKW) gefährdet, warnen die Herausgeber des Springer Vieweg-Buchs Chlorierte Kohlenwasserstoffe im Grundwasser Hermann Josef Kirchholtes und Wolfgang Ufrecht in ihrem Kommentar auf dem Wissensportal Springer für Professionals: „LCKW wurden in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zur Entfettung von Metallen und zur Kleiderpflege verwendet – allein im Jahr 1980 waren es 150.000 Tonnen.“ Die durch unsachgemäße Beseitigung ins Grundwasser gelangten Mengen könnten zu Schäden der inneren Organen und des zentralen Nervensystems führen. Trotz vielfältiger Gegenmaßnahmen beschäftigten die erhöhten LCKW-Konzentrationen in Böden und Grundwässern die Städte noch heute. Am Beispiel der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart stellt das Buch Ansätze vor, um Transport, Speicherung und Abbauraten der Schadstoffe zu erfassen sowie die Wirkung von Sanierungsmaßnahmen zu prognostizieren.

„Seit Entdeckung der Schäden im Grund- und Mineralwasser im Jahr 1983 bemüht sich die Landeshauptstadt intensiv, die Herkunft zu erkennen und die Ursachen zu beseitigen“, schreibt Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn im Vorwort des Buchs. In den 1960er-Jahren hätten die Behörden den Einsatz von LCKW noch als Ersatz für wässrige Lösungen empfohlen, um die offensichtlichen Verschmutzungen der Oberflächengewässer zu verringern. Erst Ende der 1970er-Jahre habe sich dann herausgestellt, dass die chlorierten Kohlenwasserstoffe selbst Betonwannen leicht durchdringen. In Stuttgart sei diese Erkenntnis besonders bedrohlich gewesen, weil sich die LCKW über weite Strecken und in große Tiefen in Boden und Grundwasser ausgebreitet hatten: „Selbst die Überdeckung könnte die Muschelkalk-Wässer, welche die Mineral- und Heilquellen in Bad Cannstatt und Stuttgart-Berg speisen, nicht schützen.“ Die Maßnahmen zur Beseitigung konzentrierten sich seitdem auf die Umschlags- und Anwendungsbereiche – den Chemikalienhandel, Betriebe der Metallverarbeitung und viele kleine chemische Reinigungen. Nach drei Jahrzehnten konnten zwar bisher etwa 25 Tonnen LCKW aus dem Untergrund entfernt werden. Eine nachhaltige Entfrachtung des tieferen Grundwassers und der Mineral- und Heilquellen sei aber noch immer nicht erzielt worden.

Genau dies war der Anlass des Projekts Managementplan zur Sicherstellung eines guten chemischen Grundwasserzustandes durch Vermeidung von Schadstoffeinträgen aus Altlasten (MAGPlan) unter der Federführung des Amts für Umweltschutz der Landeshauptstadt. Die vorliegenden Ergebnisse dieser integralen Untersuchung machen nach Ansicht von Kirchholtes und Ufrecht deutlich, dass für eine erfolgreiche Sanierung von LCKW-Schäden umfangreiche Kenntnisse über das hydrogeologische System und die dort ablaufenden Prozesse erforderlich sind: „Es muss geklärt sein, wie das Grundwasser strömt, in welchen Schichten es sich horizontal und vertikal bewegt, welche LCKW-Einträge es gibt und wie die Schadstoffe sich auf ihrem Transportweg verhalten.“ Nur auf der Grundlage eines ausreichenden Systemverständnisses sei es möglich, durch gezielte Eingriffe in das System nachhaltige Sanierungserfolge und Konzentrationsminderungen in den betroffenen Aquiferen zu erzielen.

Fakten, Hintergründe, Dossiers
Mehr über Springer-Verlag