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Mikroplastik: Mehr Forschung notwendig

BfR-Forum zum Thema „Mikroplastik“ auf der Grünen Woche in Berlin

22.01.2019

Mikroplastik in Lebensmitteln bewegt die Deutschen. Wie der BfR-Verbrauchermonitor - eine regelmäßige Bevölkerungsumfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) - im November 2018 zeigte, wird das Thema bekannter. Waren ein halbes Jahr zuvor 45 Prozent der Befragten über Mikroplastik in Lebensmitteln besorgt, sind es nun mehr als die Hälfte. „Nach dem derzeitigen Stand des Wissens ist nicht davon auszugehen, dass von den Plastikpartikeln in Lebensmitteln gesundheitliche Risiken für den Menschen ausgehen“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel „Dennoch brauchen wir mehr valide Daten und wissenschaftliche Studien. Das BfR forscht an der Frage, ob und wie Partikel über den Darm aufgenommen werden.“ Auf dem BfR-Forum geht es um aktuelle Fragen zu dem Thema, beispielsweise, woher das Plastikmaterial kommt und inwieweit es in Lebensmitteln enthalten ist. Darüber hinaus geht es um die orale Aufnahme, die Toxikologie sowie die Risikobewertung und die Risikowahrnehmung von Mikroplastik.

Dem BfR liegen derzeit keine gesicherten Daten zur chemischen Zusammensetzung, zur Partikelgröße und zum Gehalt von Mikroplastikpartikeln in Lebensmitteln vor. Aufgrund des Fehlens belastbarer Daten ist eine gesundheitliche Risikobewertung für den Verzehr von Mikroplastikpartikel enthaltenden Lebensmitteln derzeit nur eingeschränkt möglich. Über die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen auf Verbraucherinnen und Verbraucher ist bislang wenig bekannt. Es fehlen wissenschaftliche Publikationen. Auf Anfrage des BfR hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eine umfassende wissenschaftliche Stellungnahme zum „Vorkommen von Mikro- und Nanoplastikpartikeln in Lebensmitteln, insbesondere in Meerestieren“, erarbeitet.

Demnach besteht die Möglichkeit einer oralen Aufnahme von Mikroplastik einer bestimmten Größe, wobei bislang mangels analytischer Methoden und valider Studien der Verbleib und der Abbau im Körper nicht hinreichend untersucht sind. Laut EFSA zeigen verfügbare Studien, dass die Resorption im Darm sehr gering zu sein scheint. So können nur Mikropartikel kleiner als 150 Mikrometer (µm) die Darmbarriere überwinden und nur Mikropartikel kleiner als 1,5 µm tiefer gelegene Organe erreichen. Derzeit liegen keine Ergebnisse aus Humanstudien vor.

Erste eigene Untersuchungen des BfR an Kulturen menschlicher Darmepithelzellen sowie im Tierexperiment zeigten, dass Kunststoffpartikel bis zu einem Durchmesser von ca. 4 µm zwar in der Zellkultur von Epithelzellen der Darmwand aufgenommen werden können. Im Tierversuch zeigte sich jedoch, dass trotz Verabreichung sehr großer Mengen Kunststoffpartikel in der Größe von 1 - 10 µm diese nur vereinzelt in den untersuchten Darmepithelzellen zu finden waren. Die bislang am BfR mit verschiedenen Modell-Partikeln durchgeführten Untersuchungen zur oralen Aufnahme von Mikropartikeln ergaben keine Hinweise auf Schädigungen des Darmgewebes.

Zur Frage, ob sich Mikrokunststoffpartikel im Körper ablagern können, liegen dem BfR derzeit keine Erkenntnisse vor.

Mikroplastik wird einerseits in Form von kunststoffbasierten Granulaten gezielt industriell hergestellt („primäres Mikroplastik“). Dabei kommen u.a. unterschiedliche Kunststoffe wie Polyethylen (PE), Polypropylen (PP), Polystyrol (PS), Polyethylenterephthalat (PET), Polyvinylchlorid (PVC), Polyamid (Nylon) und Ethylenvinylacetat (EVA) zum Einsatz. Andererseits entsteht Mikroplastik auch, wenn größere Kunststoffteile zerfallen („sekundäres Mikroplastik“). Die Größenangaben für Mikroplastik sind in der Literatur nicht einheitlich definiert und schwanken meist zwischen 0,001 Millimetern (mm) bis kleiner als 5 mm. Nach heutigem Kenntnisstand stellt sekundäres Mikroplastik eine Haupteintragsquelle in die Umwelt dar.

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