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Hartnup-Krankheit



Klassifikation nach ICD-10
E72.0 Störungen des Aminosäuretransportes
ICD-10 online (WHO-Version 2006)
Klassifikation
Hartnup-Krankheit
Tryptophan

Die Hartnup-Krankheit (Hartnup-Syndrom) ist eine angeborene Störung des Transportes von Aminosäuren durch die Körperzellen.

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Inhaltsverzeichnis

Epidemiologie

Die Krankheit wird autosomal-rezessiv vererbt. Erstmanifestation ist im Kindesalter (zwischen 3 und 9 Jahren). Sie ist selten und tritt mit einer Prävalenz von lediglich 1:24.000 auf. Bei weiten nicht alle Träger des entsprechenden Gendefekts entwickeln diese Krankheit. Daher muss davon ausgegangen werden, dass wohl einige, bis heute noch unbekannte Kofaktoren, bei der Entstehung dieses Syndroms eine wichtige Rolle spielen.

Pathogenese

Es handelt sich um eine Störung des Transportes von Aminosäuren durch die Membranen der Körperzellen. Dafür verantwortlich ist der Mangel eines bestimmten kanalartigen Membranproteins (neutraler Aminosäuretransporter), welches für die Durchschleusung von aromatischen und neutralen Aminosäuren durch die Zellen zuständig ist. Der Defekt ist allgegenwärtig (ubiquitär), tritt aber in Geweben die verstärkt für die Resorption (Aufnahme) von Aminosäuren konzipiert sind, deutlicher in Erscheinung. Die Störung betrifft hauptsächlich den oberen Dünndarmabschnitt (Jejunum) und die Niere (proximaler Tubulus).

Durch das Unvermögen der Niere bestimmte Aminosäuren im Blut zu halten (verminderte Rückresorption), sammeln sich diese im Harn, und gehen den Körper folglich verloren. Im Urin finden sich Alanin, Serin, Threonin, Valin, Leucin, Isoleucin, Phenylalanin, Tyrosin, Tryptophan, Glutaminsäure, Asparagin und Histidin. Im selben Ausmaß, in dem der Verlust dieser Aminosäuren über den Harn geschieht, findet sich eine Resorptionsstörung der selben Substanzen im Dünndarm. Ein Mangel dieser Stoffe im Körper ist die logische Konsequenz. Der größte Teil der für den Lebenserhalt notwendigen essentiellen Aminosäuren wird durch Aminosäure-Recycling im Darm gewonnen. Jede Sekunde stirbt eine große Anzahl von Zellen, diese werden zerlegt und die Bestandteile in den Darm ausgeschieden. Bei der Hartnup-Krankheit ist dies jedoch eine Einbahnstraße wodurch der Bedarf einer äußeren Zufuhr der von dem Transportdefekt betroffenen Aminosäuren stark ansteigt bis zu einem Ausmaß, das durch blose Nahrungsaufnahme nicht befriedigt werden kann.

Nun besitzt der menschliche Körper die Möglichkeit die fehlenden Substanzen weitgehend selbst herzustellen, und kann damit das Defizit auch weitgehend kompensieren. Als problematisch erweist sich jedoch der Mangel an Tryptophan. Dies ist eine essentielle Aminosäure. Das bedeutet, dass es für dieses Molekül keine Möglichkeit zur Synthese im menschlichen Stoffwechsel Intermediärmetabolismus) gibt. Diese Substanz muss unbedingt von Außen zugeführt werden.

Ein Mangel an Tryptophan kann begrenzt durch eine Substitution mit dessen Folgeprodukte Niacin und Nicotinamid beseitigt werden. Induviduell unterschiedlich werden 1/80 bis 1/40 des Tryptophans in Nicotinamid umgewandelt. Durch eine erhöhte Zufuhr von Nicotinamid muss der Körper weniger Tryptophan umwandeln, wodurch mehr für andere Zwecke zur Verfügung steht.

Nicht resorbiertes Tryptophan wird im Darm durch Bakterien zu diversen Indolverbindungen metabolisiert. Diese werden im Gegensatz zum Tryptophan sehr wohl vom Darm resorbiert. Außerdem können sie die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Viele zentralnervöse Symptome werden darauf zurückgeführt.

Symptomatik

Das Krankheitsbild gleicht im wesentlichen dem der Pellagra (Niacinmangel). Auslösende Faktoren für einen Krankheitsschub sind Fieber, starke Sonnenexposition, Stress und bestimmte Medikamente (Sulfonamide).

  • Haut: Kennzeichnend für dieses Syndrom sind Hautläsionen in Form von erythematösen Ekzemen.
  • Darm: Es kommt zu wiederkehrenden Durchfällen (Diarrhö).
  • ZNS: Intermittierend finden sich neurologische oder psychiatrische Symptome. Es kann zu Störung der Bewegungskoordination (Ataxie), Lähmungen (Paresen) oder Stimmungschwankungen kommen. Selten werden auch demenzähnliche Zustände, Schielen (Strabismus) und Krämpfanfälle (Konvulsionen) beschrieben.

Diagnose

Jeder Patient, der an pellagraartigen Symptomen erkrankt und nicht der für diese Krankheit typische ernährungsbedingte Niacinmangel nachvollziehbar ist, sollte auf das Vorhandensein des Gendefekts für die Hartnup-Krankheit untersucht werden.

Die Diagnose der Hartnup-Krankheit kann meist mittels Urinanalyse durchgeführt werden. Man findet häufig eine neutrale Aminoazidurie (Vorhandensein von Aminosäuren im Harn). Durch eine nicht vorhandene Aminoazidurie kann Hartnup jedoch nicht ausgeschlossen werden, wenn von einer ausreichenden Ernährung ausgegangen werden kann.

Hartnup disease. Clinical, pathological, and biochemical observations. Tahmoush AJ, Alpers DH, Feigin RD, Armbrustmacher V, Prensky AL. Arch Neurol. 1976 Dec;33(12):797-807

Familial pellagra-like skin rash with neurological manifestations. Freundlich E, Statter M, Yatziv S Arch Dis Child. 1981 Feb;56(2):146-8

[Clinical picture of Hartnup disease. Without urine amino acids or any other identified metabolic disorder (a new entity)] [Article in Portuguese] Da Gloria ER, Assunção JG, Costa MA Med Cutan Ibero Lat Am. 1990;18(4):227-31

Therapie

Die Behandlung besteht in der Verabreichung der fehlenden Substanzen (Substituionstherapie). Eine tägliche Supplementierung von 50 bis 250 mg Nicotinamid verbessert die Situation bedeutend.

Außerdem empfliehlt sich eine proteinreiche Diät mit hohem Tryptophananteil. Dieser findet sich hauptsächlich in Milch und Milchprodukten. Ferner findet sich Tryptophan in Geflügel, Rindfleisch, Nüssen und Kartoffeln.

In schweren Fällen ist es nicht möglich den Blutspiegel, der von dem Transportdefekt betroffenen Aminosäuren, mittels einer mit Proteinen angereicherten Diät signifikant zu erhöhen. Der Mangel muss dann durch Umgehung des Transportdefekts mittels intravenöser Substitution oder orale Substitution mit chemisch abgewandelten Aminosäuren beseitigt werden. Geschieht dies nicht führt der Mangel zum Tod.

Circumvention of defective neutral amino acid transport in Hartnup disease using tryptophan ethyl ester. A J Jonas and I J Butler J Clin Invest. 1989 July; 84(1): 200–204. PMCID: 303970

Historisches

Diese Krankheit wurde erstmals bei Kindern der Familie Hartnup 1956 in London beobachtet. Angeblich litt auch die julisch-claudische Imperatorenfamilie von Julius Caesar bis hin zu Kaiser Nero an dieser Krankheit.

Siehe auch

Cystinurie

Literatur

  • Dennis L. Kasper (Hrsg.), Eugene Braunwald (Hrsg.), Anthony Fauci: Harrison’s Principles of Internal Medicine. 16th Edition Volume II ISBN 0-07-139142-8
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