Meine Merkliste
my.chemie.de  
Login  

Besser als Diamant

08.01.2013

Grafik: Georgy Astakhov

Eine Kombination aus Licht- und Radiowellen kann benutzt werden, um Information in Silizium-Fehlstellen zu speichern und auszulesen.

Physiker der Universität Würzburg haben Siliziumkarbid-Kristalle so verändert, dass sie neue, überraschende Eigenschaften zeigen. Das macht sie interessant für den Bau leistungsfähiger Computer oder für die Datenübertragung. Siliziumkarbid-Kristalle bestehen aus einem regelmäßigen Gitter, aufgebaut aus Silizium- und Kohlenstoff-Atomen. Die Halbleiter finden heutzutage vielfach in der Mikro- und Optoelektronik Verwendung. Physikern der Universität Würzburg ist es jetzt mit Wissenschaftlern aus St. Petersburg gelungen, Siliziumkarbid so zu manipulieren, dass sich das Material unter anderem für den Einsatz in neuartigen, extrem schnellen Quanten-Computern anbietet.

Eine Fehlstelle im Kristall

"Wir haben ein Siliziumatom aus dem Kristallgitter entfernt und somit eine Silizium-Fehlstelle erzeugt", erklärt Dr. Georgy Astakhov die Vorgehensweise der Physiker. Astakhov ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Experimentelle Physik VI der Universität Würzburg.

Zur Überraschung der Forscher gibt diese Fehlstelle dem Material interessante neue Eigenschaften. Damit der Halbleiter Licht emittiert, müssen seine Elektronen - bildlich gesprochen - auf ein höheres Energieniveau gebracht werden, beispielsweise durch die Zufuhr von sehr energiereichem Licht. Die Silizium-Fehlstelle sorgt nun dafür, dass zusätzliche Energieniveaus in der so genannten Bandlücke entstehen.

Aufstiegshilfe für Elektronen

Vladimir Dyakonov, Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Physik VI, erklärt das Geschehen mit einem einfachen Bild: "In einem regulären, fehlerfreien Siliziumkarbid-Kristall muss das Elektron eine hohe Hürde mit nur einem Schritt überwinden. Es braucht dafür ziemlich viel Energie. Dank der Fehlstelle bekommt es aber eine Leiter zur Verfügung gestellt. Mit ihr kann es die Hürde in zwei Schritten hochklettern, und dafür ist weniger Energie nötig."

Diese Art von Siliziumkarbid strahlt nun kein ultraviolettes, sondern infrarotes Licht ab, wenn die Elektronen von dem hohen Energieniveau auf das niedrigere "zurückfallen". Licht, das sich nach Astakhovs Worten besser dafür eignet, Informationen in einer Glasfaser zu übertragen. "Dort werden Wellenlängen im Infraroten benötigt", so der Physiker.

Einsatz im Quantencomputer

Besonders interessant ist das modifizierte Siliziumkarbid für eine weitere Anwendung - als Halbleiter und Speichermedium in neuartigen Quanten-Computern. "Transistoren sind seit ihrer Erfindung von mehreren zehn Mikrometern auf ungefähr zehn Nanometer geschrumpft - also auf etwa ein Tausendstel ihrer anfänglichen Größe", sagt Astakhov. Schreitet die Miniaturisierung in diesem Tempo fort, müssten Transistoren in einem Jahrzehnt aus einem einzelnen Atom bestehen. In dieser Größenordnung gelten dann allerdings andere physikalische Gesetze, nämlich die der Quantenmechanik.

Heutige Computer verarbeiten Informationen nach dem binären Prinzip 0 und 1: Strom fließt oder er fließt nicht. Ein Quantencomputer verarbeitet Informationen in Form von sogenannten Qubits. Basis dafür kann der Spin der Elektronen sein. Das ist - vereinfacht gesagt - deren Drehimpuls. Er kann in verschiedene Richtungen zeigen und deshalb viel mehr Information als ein klassisches Bit enthalten.

In der Fehlstelle liegt die Information

"Auf diesem Forschungsgebiet haben zuletzt die Farbzentren in Diamant große Aufmerksamkeit gewonnen, die ähnliche Defekte aufweisen wie unser Siliziumkarbid", sagt Astakhov. Ihre Qubits lassen sich gut ansprechen, verändern und auslesen - und das auch noch bei Raumtemperatur. Allerdings ist Diamant ein Material, dessen Herstellungstechnologie längst nicht so gut entwickelt ist wie für Silizium-Halbleiter. "Deshalb läuft jetzt weltweit eine Suche nach Quantensystemen, welche die Vorteile von Diamant und Silizium in einem Material vereinigen", so Astakhov.

Siliziumkarbid mit einer Fehlstelle bietet sich dafür nach Einschätzung der Würzburger Physiker an. "Das fehlende Atom hat ja auch zur Folge, dass in dem Kristallgitter ein Elektron fehlt", erklärt Dyakonov, "und das ist wiederum gleichbedeutend mit dem Spin, der im Quanten-Computer Informationsträger sein kann". Außerdem sei die Technologie für Siliziumkarbid sehr gut entwickelt. Leuchtdioden, Transistoren, mikroelektromechanische Bauelemente oder Sensoren aus diesem Material sind bereits auf dem Markt.

Beschuss mit Licht und Radiowellen

Für ihre Experimente haben die Würzburger Physiker mit Forschern aus Sankt Petersburg zusammengearbeitet. Indem sie die Siliziumkristalle gleichzeitig mit Licht und Radiowellen "beschossen", konnten sie die Spins gezielt manipulieren und so die Information speichern und bei Bedarf auslesen.

Besonders begeistert sind die Physiker von einem Aspekt: "Es ist bemerkenswert, dass sich die Silizium-Fehlstellen-Qubits in einem dicht gepackten Kristall fast wie Atome mit sehr definierten, äußerst scharfen optischen Resonanzen verhalten. Das ist absolut außergewöhnlich", so Astakhov.

Zukünftige Pläne

Spin-Quanten-Computer müssen Informationen nicht nur verarbeiten, sondern auch über einen möglichst langen Zeitraum hinweg speichern können. Das ist momentan noch ein Problem, da die Streufelder benachbarter Atomkerne die an Fehlstellen gespeicherte Information mit der Zeit löschen.

Die Forscher aus Würzburg und Sankt Petersburg planen deshalb, in einem nächsten Schritt Siliziumkarbid-Kristalle herzustellen, die aus einem Silizium-Isotop ohne magnetisches Moment aufgebaut sind. "Wir wissen, dass von Silizium- und Kohlenstoffatomen auch spin-freie Isotope existieren", sagt Astakhov. Ein Siliziumkarbid-Kristall, aufgebaut nur aus solchen Isotopen, sollte deshalb in der Lage sein, die Information sehr lange zu behalten.

Fakten, Hintergründe, Dossiers
  • Quantencomputer
Mehr über Uni Würzburg
  • News

    Durchbruch in der Stickstoffchemie

    Zwei Moleküle Stickstoff macht über 78 Prozent der Atemluft aus. Er ist das Element, das auf der Erde am häufigsten in seiner reinen Form vorkommt. Der Grund für diese Fülle an elementarem Stickstoff ist die unglaubliche Stabilität des Moleküls N2, das aus zwei Stickstoffatomen besteht. In ... mehr

    Molekulare Einblicke in Spinnenseide

    Spinnenseide ist eine der stärksten Fasern der Natur und verfügt über etliche verblüffende Eigenschaften. Wissenschaftler der Universität Würzburg haben jetzt neue Details ihres Aufbaus entschlüsselt. Sie sind leicht, beinahe unsichtbar, extrem dehnbar und reißfest und natürlich biologisch ... mehr

    Neuartiger topologischer Isolator

    Topologische Isolatoren sind Materialien mit sehr speziellen Eigenschaften. Sie leiten elektrischen Strom oder Lichtteilchen nur an ihrer Oberfläche oder an ihren Kanten weiter, nicht aber in ihrem Inneren. Dieses ungewöhnliche Verhalten könnte einmal zu technischen Innovationen führen, und ... mehr

  • Universitäten

    Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Nach einer kurzlebigen Erstgründung von 1402 wurde die Julius-Maximilians-Universität 1582 auf Initiative des Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn gestiftet und eingerichtet. Heute, über 400 Jahre später, kann sie auf eine erfolgreiche Geschichte zurückblicken. Berühmte Wissenschaf ... mehr

  • q&more Artikel

    Multinationale Medikamente

    Während in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts 80 % aller Wirkstoffe und Hilfsstoffe in Europa bzw. in den USA produziert wurden, werden heute nahezu alle Ausgangsstoffe zur Herstellung von Arzneimittel in China und Indien hergestellt. Dies gilt nicht nur für die einzelnen Stoffe, sond ... mehr

    Hightech im Bienenvolk

    Vitale Bienenvölker sind von höchster Relevanz für die Aufrechterhaltung der natürlichen Diversität von Blütenpflanzen und die globale pflanzliche Nahrungsmittelproduktion, die zu 35 % von Insektenbestäubern abhängt, unter denen die Honigbiene (Apis mellifera) die überragende Rolle spielt. ... mehr

  • Autoren

    Prof. Dr. Jürgen Tautz

    Jg. 1949, studierte Biologie, Geographie und Physik an der Universität Konstanz und promovierte dort über ein sinnesökologisches Thema. Nach Arbeiten zur Bioakustik von Insekten, Fischen und Fröschen gründete er 1994 die BEEgroup an der Universität Würzburg, die sich mit Grundlagenforschung ... mehr

    Prof. Dr. Ulrike Holzgrabe

    Ulrike Holzgrabe (Jg. 1956) studierte Chemie und Pharmazie in Marburg und Kiel. Nach Approbation und Promotion folgte die Habilitation für Pharmazeutische Chemie 1989 ­in Kiel. Sie hatte eine Professur in Bonn (1990-1999), lehnte C4-Rufe nach Tübingen und Münster ab und folgte dem Ruf nach ... mehr

Ihr Bowser ist nicht aktuell. Microsoft Internet Explorer 6.0 unterstützt einige Funktionen auf Chemie.DE nicht.