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Verschiebungsstrom



Verschiebungsstrom (engl. displacement current) ist eine Bezeichnung aus der Elektrodynamik und stellt die Tatsache dar, dass die zeitliche Änderung eines elektrischen Feldes bzw. der elektrischen Flussdichte ein integraler Teil des totalen elektrischen Stromes ist. Der Begriff wurde von James Clerk Maxwell entwickelt und erweitert das Ampèresche Gesetz um einen zusätzlichen Term.

Inhaltsverzeichnis

Bedeutung und Zusammenhang

Der totale elektrische Strom (engl. true current oder total current) setzt sich grundsätzlich aus zwei additiven Komponenten zusammen:

  1. Dem Leitungsstrom IL, welcher durch den Fluss von elektrischen Ladungsträgern wie Elektronen oder Ionen getragen wird. Der Leitungsstrom wird durch das elektrische Feld und den damit auf Ladungsträger ausgeübte mechanische Kräfte verursacht. Dabei ist für die Ladungsträger meist das Vorhandensein eines elektrischen Leiters wie ein Metall oder Elektrolyt notwendig. Als Sonderform ist auch ein Leitungsstrom im Vakuum durch freie Ladungsträger wie Elektronen möglich, wenn die mechanischen Kräfte auf die Ladungsträger zufolge des elektrischen Feldes hinreichend stark sind und daher Ladungsträger aus dem elektrischen Leiter austreten können (siehe Austrittsarbeit). Umgangssprachlich wird unter dem elektrischen Strom nur diese Komponente zufolge des Ladungstransportes der elektrischen Feldkräfte verstanden.
  2. Der Verschiebungsstrom IV wird durch die zeitliche Änderungsrate des elektrischen Flusses bestimmt und ist nicht an die Existenz eines elektrischen Leiters gebunden. Der Verschiebungsstrom ist als ein Teil der Wirkung des elektrischen Feldes zu verstehen und drückt im Prinzip die zeitliche Änderungsrate des elektrischen Flusses aus. Dabei tritt an Stelle des Flusses von elektrischen Ladungsträgern der elektrische Fluss.

Mathematisch lässt sich der totale elektrische Strom I aus beiden Komponenten ausdrücken als:

I = IL + IV

Dadurch wird eine begriffliche Erweiterung des Ampèreschen Gesetzes (Durchflutungsgesetz) nötig, welche den gesamten elektrischen Strom in der Form

I = \int_A (\sigma \vec{E} + \varepsilon \frac{\partial \vec{E}}{\partial t}) \cdot \mathrm{d}\vec{A}

ausdrückt. Dabei stellt der erste Summand den Leitungsstrom dar, welcher von der elektrischen Feldstärke E ausgelöst wird. Die dabei auftretende Konstante σ stellt einen Ausdruck für die elektrische Leitfähigkeit in jenem Medium dar, in welchem sich der Leitungsstrom ausbreitet. Man nennt solche Medien im Regelfall elektrische Leiter.

Der zweite Summand stellt den Verschiebungsstrom mit der zeitlichen Änderungsrate der elektrischen Feldstärke und der dielektrischen Leitfähigkeit \varepsilon dar. Die dielektrische Leitfähigkeit drückt die Eigenschaft eines Mediums zur Leitung des elektrischen Flusses aus. Daher fließt der Verschiebungsstrom vor allem in Materialien mit guter dielektrischer und schlechter elektrischer Leitfähigkeit. Man nennt Materialien mit jenen Stoffkonstanten auch Isolatoren. Als Sonderform mit nicht vorhandener elektrischer Leitfähigkeit, aber schwach vorhandener dielektrischer Leitfähigkeit \varepsilon_0, tritt dabei der leere Raum (Vakuum) in Erscheinung: In ihm breitet sich, abgesehen von freien elektrischen Ladungsträgern in Folge hoher Feldstärken, der Verschiebungsstrom aus.

Im allgemeinen Fall sind die beiden Stoffkonstanten der elektrischen bzw. dielektrischen Leitfähigkeit Tensoren 2. Stufe und beschreiben auch nichtlineare, nichtisotrope Abhängigkeiten des totalen elektrischen Stromes von der elektrischen Feldstärke. Dieses Faktum kann aber für das grundlegende Verständnis zunächst vernachlässigt werden und diese Konstanten vereinfacht als zwei Skalare betrachtet werden, welche das jeweilige Ausbreitungsmedium der betreffenden Stromkomponente beschreiben.

Die Einteilung, ab wann in einem Medium der Leitungsstrom dominant ist und dieses Medium daher als elektrischer Leiter bezeichnet werden kann, bzw. ab wann in einem Medium der Verschiebungsstrom dominant ist, kann folglich aus den Größen der beiden Stoffkonstanten und, da bei der Komponente des Verschiebungsstromes die zeitliche Ableitung der elektrischen Feldstärke auftritt, durch die Kreisfrequenz ω abgeleitet werden. Allgemein gilt:

\sigma \gg \omega \varepsilon Leitungsstrom dominant
\sigma \ll \omega \varepsilon Verschiebungsstrom dominant

Typische elektrische Leiter wie Kupfer oder typische Isolatoren wie manche Kunststoffe (PVC) weisen von der Frequenz unabhängige Stoffkonstanten auf. Bei Leitern wie Kupfer überwiegt bis zu sehr hohen Frequenzen (im Röntgenbereich) der Leitungsstrom gegenüber dem Verschiebungsstrom. Hingegen gibt es bestimmte Stoffe wie Ionenleiter (Salzwasser), welche in ihren Stoffkonstanten eine starke Frequenzabhängigkeit zeigen und es daher auf die jeweilige Frequenz (zeitliche Änderungsrate des elektrischen Feldes) ankommt, ob der betreffende Stoff zu den Leitern oder Nichtleitern gezählt wird und welche der beiden Stromkomponenten darin dominiert.

Als besondere Form ist bei zeitlichen harmonischen (sinusförmigen) Änderungen im gleichen Medium der Verschiebungsstrom gegenüber dem Leitungsstrom immer um 90° Grad (Pi/2) phasenverschoben. Hingegen ist in einem Stromkreis, der durch einen Isolator unterbrochen ist, sowohl der im Isolator dominierende Verschiebungsstrom, als auch der im elektrischen Leiter dominierende Leitungsstrom zueinander in Phase und die beiden Ströme sind betragsmässig praktisch gleich. Dieser technisch wichtige Fall tritt bei dem Kondensator im sinusförmigen Wechselstromkreis in Erscheinung: Der Strom in den Zuleitungsdrähten und den Kondensatorplatten (elektrischer Leiter) wird durch den Leitungsstrom getragen, der Strom durch das Dielektrikum (Isolator) zwischen den Kondensatorplatten wird primär durch den Verschiebungsstrom getragen. Ohne Verschiebungsstrom wäre keine Stromleitung durch den Kondensator möglich - wenngleich diese Stromleitung durch den Verschiebungsstrom wegen der nötigen zeitlichen Änderungsrate beim elektrischen Fluss immer auf Wechselströme (zeitliche Änderung) limitiert ist.

Historische Entwicklung

Herleitung eines Widerspruchs

Als Maxwell die bis dahin von anderen Physikern wie Ampère und Faraday zusammengetragenen Erkenntnisse über elektromagnetische Phänomene in den Maxwellschen Gleichungen zu vereinen suchte, wurde ihm klar, dass das Ampèresche Gesetz über die Erzeugung von Magnetfeldern durch Ströme nicht vollständig sein konnte.

Diese Tatsache wird durch ein einfaches Gedankenexperiment klar. Ein Strom ID fließe durch einen langen Draht, in dem ein Kondensator liegt. Das Ampèresche Gesetz

\oint_S \vec{B} \cdot \;\mathrm{d}\vec{s} = \mu_0 I

besagt nun, dass das Wegintegral des Magnetfelds entlang eines beliebigen Weges um den Draht proportional zu dem Strom ist, der durch eine von diesem Weg aufgespannte Fläche fließt. Auch die differentielle Form

\operatorname{rot} \vec B = \mu_0 \vec J

verlangt, dass die Wahl dieser aufgespannten Fläche beliebig ist. Nun habe der Integrationsweg die einfachste mögliche Form, ein Kreis um die Längsachse des Drahts. Die natürlichste Wahl der durch diesen Kreis aufgespannten Fläche ist offenbar die Kreisfläche. Wie erwartet schneidet diese Kreisfläche den Draht, somit ist der Strom durch die Fläche ID. Aus der Symmetrie des Drahtes ergibt sich entsprechend das Magnetfeld des langen Drahtes, dessen Feldlinien Kreisbahnen um die Längsachse sind.

Auch wenn man die Fläche beliebig "ausbeult" oder "aufbläst", fließt durch sie immer noch der gleiche Strom - es sei denn, man dehnt sie soweit aus, dass sie die Längsachse des Drahtes zwischen den beiden Kondensatorplatten schneidet. Dort fließt selbstverständlich kein Strom, also ist das Magnetfeld des Drahtes 0, offensichtlich im Widerspruch zum gerade besprochenen Ergebnis. Maxwell ging davon aus, dass das Ampèresche Gesetz nicht falsch, sondern nur unvollständig ist.

Auflösung

Durch den Kondensator fließt kein Strom, aber das elektrische Feld und damit der elektrische Fluss ändert sich (es ist das elektrische Feld D ohne Einflüsse durch dielektrische Materie gemeint). Maxwell definierte einen Verschiebungsstrom nun als die Änderung des elektrischen Flusses durch die gegebene Oberfläche. Der Verschiebungsstrom ist daher nicht wirklich ein Strom, bei dem ja Ladung transportiert wird. Vielmehr ist es eine anschauliche Bezeichnung für eben diese Änderung des elektrischen Flusses, da sie offenbar die gleiche Wirkung hat wie ein richtiger Strom.

Mathematische Herleitung

Integrale Form

Der Verschiebungsstrom, die Änderung des elektrischen Flusses durch eine Oberfläche A, ist definiert durch

(1)I_v = \varepsilon \varepsilon_0 {  \partial \Phi \over \partial t },

wobei der elektrische Fluss definiert ist durch

(2)\Phi = \iint_A \vec E \cdot \;d \vec A.

Der Vorfaktor, bestehend aus den beiden Dielektrizitätskonstanten, eliminiert hierbei dielektrische Effekte, da für das elektrische Feld, das von diesen unberührt bleibt und nur von Ladungen ausgeht, gilt

(3)\vec D = \varepsilon \varepsilon_0 \vec E

mit der Dielektrizitätskonstante des Vakuums und der Konstante der entsprechenden Materie.

Analog gilt für das von dia- und paramagnetischen Effekten unberührte magnetische Feld

(4)\vec H = { 1 \over \mu_0 } \vec B.

(Es handelt sich hier um eine Vereinfachung. In Materie gilt, berücksichtigt man Dia- und Paramagnetismus, \vec B = \mu_r \mu_0 \vec H mit der magnetischen Permeabilität μr. In ferromagnetischen Materialien gilt aber kein linearer Zusammenhang mehr. Weil es für das Problem dieses Artikels nicht relevant ist, bleibt also hier die Vereinfachung auf das Vakuum.)

Außerdem kann bekanntlich der (tatsächliche) Strom I durch einen Leiter als Oberflächenintegral einer Stromdichte j dargestellt werden:

(5)I = \iint_A \vec J \cdot \;d \vec A

Mit dieser Vorbereitung erhält man

(6)I_v =_{(1)} \varepsilon \varepsilon_0 { \partial \Phi \over \partial t } =_{(2)} \varepsilon \varepsilon_0 { \partial \over \partial t } \iint_A \vec E \cdot \;d \vec A=_{(3)} { \partial \over \partial t } \iint_A \vec D \cdot \;d \vec A =  \iint_A { \partial \vec D \over \partial t }  \;d \vec A.

Dieser Verschiebungsstrom muss nun in das im ersten Abschnitt zitierte Ampère'sche Gesetz eingefügt werden:

\oint_S \vec{B} \cdot \;\mathrm{d}\vec{s} = \mu_0 (I + I_v)\leftrightarrow \oint_S { 1 \over \mu_0 } \vec{B} \cdot \;\mathrm{d}\vec{s} = I + I_v\Leftrightarrow_{(4),(6)} \oint_S \vec{H} \cdot \;\mathrm{d}\vec{s} = I + \iint_A { \partial \vec D \over \partial t }  \;d \vec A\Leftrightarrow_{(5)} \oint_S \vec{H} \cdot \;\mathrm{d}\vec{s} = \iint_A \vec J \cdot \;d \vec A + \iint_A { \partial \vec D \over \partial t } \cdot \;d \vec A

\Leftrightarrow \oint_S \vec{H} \cdot \;\mathrm{d}\vec{s} = \iint_A \left( \vec J  + { \partial \vec D \over \partial t } \right) \;d \vec A

womit die integrale Form der vierten Maxwellschen Gleichung erreicht ist.

Differentielle Form

Für die differentielle Formulierung fehlt nur noch die Definition einer Verschiebungsstromdichte für den Verschiebungsstrom analog zum Betrag der Stromdichte J des tatsächlichen Stromes I:

(7)\vec J_v = { \partial \vec D \over \partial t }.

Man erhält

\operatorname{rot} \vec B = \mu_0 ( \vec J_l + \vec J_v ) \Leftrightarrow \operatorname{rot} { 1 \over \mu_0 } \vec B = \vec J_l + \vec J_v

\Leftrightarrow_{(4),(7)} \operatorname{rot} \vec H = \vec J + { \partial \vec D \over \partial t },

die differentielle Form der vierten Maxwellschen Gleichung.

 
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Verschiebungsstrom aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
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