14.08.2020 - Ruhr-Universität Bochum (RUB)

Selektive Umsetzung reaktiver Lithium-Verbindungen ermöglicht

Bislang entstanden in den Reaktionen stets unerwünschte Nebenprodukte - Ein neuer Katalysator eröffnet neue Anwendungen

Forscher der Ruhr-Universität Bochum haben einen neuen Katalysator entwickelt, der Reaktionen zur Produktion von Pharmazeutika oder landwirtschaftlich genutzten Chemikalien katalysieren kann. Er knüpft Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen zwischen sogenannten Organo-Lithium-Verbindungen, und zwar ohne dass unerwünschte Nebenprodukte entstehen. Die Ergebnisse beschreibt das Team um Prof. Dr. Viktoria Däschlein-Gessner, Arbeitsgruppe Anorganische Chemie II, in der Zeitschrift Angewandte Chemie, online veröffentlicht am 29. Juli 2020.

Unersetzbar für viele Anwendungen

Organo-Lithium-Verbindungen sind Reagenzien mit einer Lithium-Kohlenstoff-Bindung, die zu den reaktivsten Verbindungen in der Synthesechemie gehören. „Sie sind aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften in vielen Anwendungen unersetzbar, auch im industriellen Großmaßstab“, sagt Viktoria Däschlein-Gessner, Mitglied des Exzellenzclusters Ruhr Explores Solvation, kurz Resolv. „Allerdings führt die hohe Reaktivität häufig auch zu ungewünschten Nebenreaktionen. Daher kommen Organo-Lithium-Verbindungen für manche Anwendungsgebiete bislang nur eingeschränkt oder gar nicht infrage.“

Solche Einschränkungen konnte die Arbeitsgruppe von Viktoria Däschlein-Gessner mithilfe eines hoch effizienten Katalysators nun überwinden. Der neue Phosphan-Palladium-Katalysator knüpft selektiv eine Bindung zwischen zwei Kohlenstoff-Atomen – sowohl mit unterschiedlichen Organo-Lithium-Verbindungen als auch vielen sogenannten Arylhalogeniden. Entscheidend dabei war, dass er auch bei Raumtemperatur ausreichend aktiv ist.

Markteinführung geplant

Für das neue Syntheseverfahren werden keine weiteren Zusatzstoffe gebraucht und es kann breit angewendet werden. Dadurch können Zwischenschritte in der Synthese vermieden werden, sodass auch weniger Metallsalzabfälle entstehen. Der Katalysator garantiert selbst dann noch eine hohe Selektivität, wenn Produktmengen von mehreren Gramm erzeugt werden. Für eine Verwendung im industriellen Maßstab muss er im nächsten Schritt bei noch größeren Umsatzmengen getestet werden.

In Zusammenarbeit mit der Industrie wollen die Bochumer Forscher die entwickelten Katalysatoren bald auf den Markt bringen. „Ihre besondere Aktivität ist nicht nur in den beschriebenen Reaktionen vorteilhaft, sondern bietet auch Verbesserungen für zahlreiche weitere Umsetzungen in nahezu allen Bereichen der Feinchemikaliensynthese“, so Däschlein-Gessner.  Neben der Produktion von Pharmazeutika und Chemikalien für die Landwirtschaft sind das beispielsweise auch Duftstoffe und Materialien für organische Leuchtdioden.

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  • Autoren

    Henning Steinert

    Henning Steinert, Jahrgang 1993, studierte an der Carl‑von‑Ossietzky Universität Oldenburg Chemie, wo er sich unter anderem mit der Aktivierung von Si–H-Bindungen an Titankomplexen beschäftigte. Aktuell promoviert er an der Ruhr-Universität Bochum am Lehrstuhl für Anorganische Chemie II von ... mehr

    Prof. Dr. Viktoria Däschlein-Gessner

    Viktoria Däschlein-Gessner, Jahrgang 1982, studierte Chemie an den Universitäten Marburg und Würzburg und promovierte im Jahr 2009 an der TU Dortmund. Nach einem Postdoc-Aufenthalt an der University of California in Berkeley (USA) leitete sie eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe an der Univers ... mehr

    Kevin Wonner

    Kevin Wonner, Jahrgang 1995, studierte Chemie mit dem Schwerpunkt der elektrochemischen Untersuchung von Nanopartikeln an der Ruhr-Universität Bochum und ist seit 2018 Doktorand am Lehrstuhl für Analytische Chemie II von Prof. Dr. Kristina Tschulik im Rahmen des Graduiertenkollegs 2376. Er ... mehr