13.10.2020 - Friedrich-Schiller-Universität Jena

Intelligente Nanomaterialien für Photonik

Physiker und Chemiker funktionalisieren optische Fasern mit 2D-Materialien

In Kombination mit Lichtwellenleitern ermöglichen 2D-Materialien mit herausragenden optischen Eigenschaften ganz neue Anwendungen im Bereich der Sensorik, der nichtlinearen Optik und der Quantenelektronik. Allerdings war es bisher sehr aufwendig, die beiden Komponenten zusammenzubringen. Denn die hauchdünnen Schichten mussten in der Regel separat produziert und dann per Hand auf den Wellenleiter transferiert werden. Jenaer Forschern ist es jetzt gemeinsam mit australischen Kollegen gelungen, erstmals 2D-Materialien direkt auf optischen Fasern wachsen zu lassen. Das vereinfacht die Herstellung solcher hybriden Nanomaterialien signifikant.

„Wir haben Übergangsmetall-Dichalkogenide – ein 2D-Material mit exzellenten optischen und photonischen Eigenschaften, das beispielsweise sehr stark mit Licht wechselwirkt – in speziell entwickelte Glasfasern integriert“, erklärt Dr. Falk Eilenberger von der Universität Jena. „Anders als bisher haben wir die einen halben Nanometer dicke Schicht allerdings nicht manuell aufgetragen, sondern direkt auf der Faser wachsen lassen“, so der Spezialist im Bereich der Nanophotonik. „Das bedeutet, das 2D-Material kann mit weniger Aufwand und weitaus großflächiger aufgebracht werden. Zudem konnten wir nachweisen, dass das Licht in der Glasfaser mit seiner Beschichtung interagiert.“ Der Schritt zur praktischen Anwendung sei für das so entstandene intelligente Nanomaterial nicht mehr sehr weit.

Verantwortlich für den Erfolg ist ein eigens am Institut für Physikalische Chemie der Universität Jena entwickeltes Wachstumsverfahren, das bisherige Hürden überwindet. „Durch eine Analyse und Kontrolle aller Wachstumsparameter haben wir genau die Stellschrauben identifiziert, an denen wir drehen müssen, um das 2D-Material auf den Fasern, die als Substrat dienen, wachsen zu lassen“, erklärt der Jenaer Graphen-Experte Prof. Dr. Andrey Turchanin die Ausgangssituation für die Methode, die auf der chemischen Gasphasenabscheidung beruht. Unter anderem ist dabei eine Temperatur von rund 700 Grad Celsius erforderlich.

Hybride Materialplattform

Deshalb eignen sich die Fasern besonders gut als Träger: „Das reine Quarzglas, das als Substrat dient, hält die hohen Temperaturen hervorragend aus. Es ist hitzebeständig bis 2.000 Grad Celsius“, informiert Prof. Dr. Markus A. Schmidt von Leibniz-Institut für Photonische Technologien, der die Faser entwickelt hat. „Ihr geringer Durchmesser und ihre Biegsamkeit machen sie zu flexibel einsetzbaren Lichtwellenleitern“, betont Schmidt, der auch eine Stiftungsprofessur für Faseroptik an der Universität Jena innehat.

Aus der Verbindung von 2D-Material und Glasfaser ist somit eine intelligente Materialplattform entstanden, die das Beste aus zwei Welten zusammenführt. „Aufgrund der Funktionalisierung der Glasfaser mit dem 2D-Material wird die Interaktionslänge zwischen Licht und Material nun deutlich erhöht“, sagt Dr. Antony George, der gemeinsam mit Turchanin die Herstellungsmethode der neuartigen 2D-Materialien entwickelt hat.

Sensorik und nichtlineare Lichtkonverter

Mögliche Anwendungen für das System sieht das Team vor allem in zwei Bereichen: Zum einen eignet sich die Kombination hervorragend für die Sensortechnik. So könnten damit etwa Gaskonzentrationen gemessen werden, indem grünes Licht über die Faser in einen Raum geführt wird und dort dann an den durch das 2D-Material funktionalisierten Stellen die Informationen der Umgebung aufnimmt. Da sich durch die äußeren Einflüsse die Fluoreszenzeigenschaften des 2D-Materials ändern, wechselt das Licht die Farbe und kehrt als rotes Licht zu einem Messgerät zurück. Da die Fasern sehr klein sind, empfehlen sich Sensoren auf dieser Basis möglicherweise auch für Anwendungen in der Biotechnologie oder der Medizin.

Zum anderen könnte ein solches System auch als nichtlinearer Lichtkonverter eingesetzt werden. Mit einer solchen optischen Faser kann man aufgrund ihrer nichtlinearen Eigenschaften einen Laser zu Weißlicht konvertieren und dann bei spektroskopischen Untersuchungsmethoden in der Biologie oder Chemie einsetzen. Weitere Anwendungsgebiete sehen die Jenaer Forscher etwa auch im Bereich der Quantenelektronik und Quantenkommunikation.

Herausragende interdisziplinäre Kooperation

Als elementare Voraussetzung für das erfolgreiche Projekt betonen die beteiligten Wissenschaftler die herausragende interdisziplinäre Kooperation zwischen verschiedenen Jenaer Forschungseinrichtungen. Ausgehend von der Thüringer Forschergruppe „2D-Sens“ und vom Sonderforschungsbereich „Nonlinear Optics down to Atomic Scales“ der Friedrich-Schiller-Universität arbeiteten hier Experten des Instituts für Angewandte Physik der Uni Jena, des Abbe Center of Photonics der Uni Jena, des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF sowie des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien zusammen. „Wir haben sehr fokussiert ganz verschiedene Expertisen zusammengebracht und freuen uns über das bahnbrechende Ergebnis, das aus dieser Arbeit hervorgegangen ist“, sagt Eilenberger. „Außerdem sehen wir in dem neuen Verfahren eine weitere Stärkung des Industriestandorts Thüringen und seiner optoelektronischen Ausrichtung“, ergänzt sein Kollege Turchanin. Die Erfindung des interdisziplinären Teams wurde kürzlich zum Patent angemeldet.

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    Prof. Dr. Thomas Heinze

    Thomas Heinze, Jahrgang 1958, studierte Chemie an der FSU Jena, wo er 1985 promovierte und nach dem Postdoc an der Katholischen Universität Leuven (Belgien) 1997 habilitierte. 2001 folgte er dem Ruf auf eine Professur für Makromolekulare Chemie an die Bergische Universität Wuppertal. Seit 2 ... mehr

    Prof. Dr. Dagmar Fischer

    Dagmar Fischer ist approbierte Apothekerin und promovierte 1997 im Fach Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie an der Philipps-Universität Marburg. Nach einem Aufenthalt am Texas Tech University Health Sciences Center, USA, sammelte sie mehrere Jahre Erfahrung als Leiterin der Präklin ... mehr

    Prof. Dr. Stefan H. Heinemann

    Stefan H. Heinemann, geb. 1960, studierte Physik an der Universität Göttingen. Nach zweijähriger Forschungszeit an der Yale University, New Haven, USA, promovierte er 1990 am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Standford Unive ... mehr