Start-up will chemische Industrie nachhaltiger machen

SYPOX ersetzt Erdgas durch Strom und hat bereits den ersten Großkunden gewonnen

27.01.2026
Ulrich Meyer / TUM

Dr. Gianluca Pauletto (li.) und Dr. Martin Baumgärtl sind CEO und CTO des Start-ups SYPOX. Sie haben ihr Unternehmen an der TUM gegründet und wollen die chemische Industrie nachhaltiger machen. Hier stehen sie vor dem Container mit ihrer Pilotanlage in in der Gemeinde Dollnstein im Altmühltal.

Das Start-up SYPOX hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Es will die chemische Industrie nachhaltiger machen. Statt Öl und Gas zu verbrennen, wird die für eine Vielzahl chemischer Prozesse benötigte Wärme elektrisch erzeugt. Die Gründer lernten sich an der Technischen Universität München (TUM) kennen und entwickelten die dafür notwendige Technologie gemeinsam. Das Unternehmen hat bereits seinen ersten Großkunden gewonnen.

Technologieorientierte Unternehmen haben in der Regel eines gemeinsam: Sie benötigen erhebliche finanzielle Mittel für Investitionen und Entwicklung. Damit gehen zwangsläufig Zeitdruck und Erfolgszwang einher, denn Venture-Capital-Geber erwarten Ergebnisse und nehmen Einfluss. SYPOX ist einen anderen Weg gegangen. „Es entsprach nicht unserem Stil, Geld einzuwerben – wir haben vielmehr von Anfang an versucht, auf Basis unserer Technologie ein tragfähiges Geschäft aufzubauen“, sagt CEO Dr. Gianluca Pauletto. Dieser Ansatz ist in der Tech-Start-up-Szene ungewöhnlich, passt jedoch zur Philosophie des Unternehmens: bodenständig, kundennah und auf nachhaltige Wertschöpfung ausgerichtet.

Sauberes Synthesegas – sauberer Prozess

Entscheidend ist selbstverständlich ein leistungsfähiges Produkt. Bei SYPOX ist dies ein Reaktor, der äußerlich einem industriellen Druckbehälter ähnelt – technisch handelt es sich um ein elektrisches Heizelement, das hinter Katalysatoren angeordnet ist. Die Technologie ist komplex und patentrechtlich geschützt, das zugrunde liegende Prinzip jedoch erstaunlich einfach. „Im Grunde ist es wie ein Wasserkocher in der heimischen Küche – nur im industriellen Maßstab“, erklärt CTO Dr. Martin Baumgärtl.

Im Zentrum steht die Herstellung von Synthesegas, einer Mischung aus Wasserstoff und Kohlenmonoxid, die ein zentraler Ausgangsstoff für die Produktion von Methanol, Ammoniak und zahlreichen weiteren industriellen Basischemikalien ist. Bislang werden für diesen Hochtemperaturprozess fossile Brenner eingesetzt. Diese verursachen jedoch erhebliche CO₂-Emissionen. „In konventionellen Verfahren entfallen rund 40 Prozent der Emissionen allein auf die Wärmeerzeugung aus fossilen Energieträgern“, erläutert Baumgärtl.

SYPOX ersetzt die Flamme durch Strom: Elektrische Heizelemente bringen die notwendige Wärme direkt in den Reaktor ein. Das senkt die CO₂-Emissionen drastisch und erleichtert zugleich die Prozessführung – sicherer und ohne Eingriff in die zugrunde liegende Chemie. „Wir wollen die chemische Industrie elektrifizieren“, sagt CEO Gianluca Pauletto. „Sie muss endlich nachhaltiger werden.“

Drei Forscher, eine Vision

Die Idee hatte Pauletto während seiner Promotion in Montréal, wo er sich mit Möglichkeiten beschäftigte, Hochtemperaturprozesse in der Chemie klimafreundlicher zu gestalten. An der TUM fand er die passenden Partner: Prof. Johannes Lercher vom Lehrstuhl für Technische Chemie II der TUM School of Natural Sciences sowie Martin Baumgärtl, damals Doktorand am Lehrstuhl. Gemeinsam wagten sie 2021 den Schritt in die Selbstständigkeit – unterstützt durch das TUM Venture Lab ChemSpace sowie das EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

Der Weg war kein Sprint, sondern ein Marathon, wie Lercher betont: „Vier Jahre Forschung und zahlreiche Versuchsreihen in den Laboren der TUM waren notwendig.“ Parallel errichtete das Team eine eigene Pilotanlage in einem einfachen Stahlcontainer auf dem Gelände einer Biogasanlage in der Gemeinde Dollnstein im ländlichen Altmühltal. Heute beschäftigt SYPOX rund ein Dutzend Mitarbeitende. Der Firmensitz befindet sich in Langenbach, unweit des TUM-Forschungscampus in Garching, wo SYPOX weiterhin ein Labor betreibt und eng in das Innovationsökosystem der Universität eingebunden bleibt.

Großkunde mit Clariant – ein Durchbruch

Mit Unterstützung des Unternehmens Clariant, das seit vielen Jahren ein offizieller Forschungspartner der TUM ist, konnte SYPOX nun seinen ersten Großkunden gewinnen. Der Endkunde plant, ab 2026 mithilfe der SYPOX-Technologie täglich rund 150 Tonnen Synthesegas zu produzieren – auf Basis erneuerbarer elektrischer Energie und mit bis zu 40 Prozent geringeren Emissionen. „Wir sind stolz darauf, gemeinsam mit Clariant diese weltweit erste Anlage ihrer Art umzusetzen“, sagt Baumgärtl. „Das ist nicht nur ein Meilenstein für uns, sondern auch ein starkes Signal an die gesamte chemische Industrie.“

Mit seiner Technologie setzt SYPOX neue Maßstäbe: weg von fossilen Brennern, hin zu einer elektrifizierten Chemie. Der Markteintritt mit einem derart renommierten Partner ist vielversprechend. „Wir leisten einen konkreten Beitrag zur Dekarbonisierung“, bringt es Pauletto auf den Punkt. Genau das macht SYPOX außergewöhnlich: ein Start-up, das ohne großen Kapitaleinsatz startet, sich weitgehend aus Umsätzen finanziert und unmittelbar Emissionen reduziert.

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