14.02.2017 - Bilfinger SE

Bilfinger will mit neuer Strategie Vertrauen zurückgewinnen

(dpa-AFX) Nach dem Verkauf des Tafelsilbers, einem Rekordverlust 2015 und zahlreichen Chefwechseln stellt der neue Bilfinger-Chef Tom Blades den Industriedienstleister erneut neu auf. Die neue Strategie samt Umsetzungsplan stellte er am Montagabend nach einem Beschluss des Aufsichtsrates vor. Sie soll wieder mehr Ruhe in den kriselnden Industriedienstleister bringen. Mit dem Abschied vom Baugeschäft und dem Verkauf der Immobiliendienstleistungen hatte der Traditionskonzern zuletzt bereits einen scharfen Wandel vollzogen.

Den Finanzmarkt und die eigenen Mitarbeiter muss der ehemalige Linde-Manager mit seiner neuen Strategie überzeugen. Die Einschnitte bei Bilfinger waren zuletzt gewaltig. Die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte von 57.500 im Jahr 2014 - allerdings noch in der alten Konzernform - auf zuletzt rund 37.000. Eine klare und dauerhafte Strategie zeichnete sich angesichts von zahlreichen Chefwechseln längere Zeit nicht wirklich ab. Viele Mitarbeiter waren nach dem Stellenabbau der vergangenen Jahre und den Strategieschwenks tief verunsichert. Blades will nun das Vertrauen zurückgewinnen. "Mit dieser Strategie werden wir profitabel wachsen, und das stärker als der Markt", sagte Blades am Montag laut Mitteilung. Kern sei die Konzentration auf zwei Geschäftsbereiche in vier Regionen und sechs Industrien. Das Geschäft werde in den zwei Geschäftsfeldern Engineering & Technologies (E&T) sowie Maintenance, Modifications & Operations (MMO) gebündelt. Der Fokus liege auf den vier Regionen Kontinentaleuropa, Nordwesteuropa, Nordamerika und Nahost. Zielindustrien seien die Chemie und Petrochemie, Energie und Versorgung, Öl und Gas, Pharma und Biopharma, Metallurgie und Zement.

Blades: 'Wir bündeln unsere eigenen Stärken sehr viel effektiver'

"In unseren Zielindustrien steigt die Anzahl an Anlagen und weltweit werden Anlagen älter und wartungsintensiver", erklärte Blades. "Wir bündeln unsere eigenen Stärken sehr viel effektiver, um von dieser Entwicklung zu profitieren", ergänzte er. Bilfinger mache Anlagen fitter, stärke deren Immunsystem und senke die Kosten. Im laufenden Jahr liege der Schwerpunkt auf der Straffung der Unternehmensstruktur. Verwaltungs- und Vertriebskosten sollen sinken. Einschnitte hatte er zuletzt bereits in der Konzernzentrale angekündigt. Nach der Stabilisierung dürften ergänzende Zukäufe und weitere Wachstumsoptionen folgen.

Die zuletzt auferlegte Beschränkung auf Europa ist ebenso gefallen wie die vollständige Abkehr vom Kraftwerksgeschäft. Die Krise bei den großen Versorgern hatte den Markt zuletzt fest im Griff. Der ursprüngliche Plan eines Verkaufs des Gesamtgeschäftes scheiterte.

Finanzinvestor mit starkem Einfluss

Wieder einmal will sich Bilfinger also neu erfinden. Zuletzt hatte der Konzern seine profitabelste Sparte abgestoßen. Mit den Bau- und Industriedienstleistungen ging ein Herzstück des einst stolzen Baukonzerns über den Tisch. Dahinter steckt die Hoffnung, dass Teile des Unternehmens mehr wert sind als das große Ganze. Gewerkschafter kritisierten den Schritt. Aktionäre beklagten eine fehlende Strategie.

Der Verkauf der Sparte war ein Punktsieg für den einflussreichen Finanzinvestor Cevian, der 2011 bei Bilfinger eingestiegen war. Die Schweden halten 26 Prozent der Anteile an Bilfinger. Damit können sie wichtige Entscheidungen blockieren. Die Beteiligungsgesellschaft gilt als Investor, der sich aktiv in die Firmengeschicke einmischt. Das gilt wohl auch für die zahlreichen Chefwechsel in jüngster Zeit.

Seit Jahren im Umbruch

Der Konzern steckt seit Jahren im Umbruch. Der Wandel vom Bau- zum globalen Dienstleistungskonzern rund um Kraftwerke, Industrieanlagen und Gebäude war lange die zentrale Strategie. Doch die Abkehr vom zyklischen und mit hohen Projektrisiken verbundenen Bau und der Ausbau der Dienstleistungen durch Zukäufe brachte nicht die erhoffte Stabilität. Auch Einsparungen und Zusatzgeschäfte gingen nicht auf.

Die Zurückhaltung der Stromkonzerne nach der Energiewende in Deutschland, gekappte Investitionen in der Öl- und Gasindustrie im Zuge des Ölpreisverfalls sowie hausgemachte Probleme im Projektmanagement machten die hochfliegenden Pläne endgültig zunichte. 2015 verbuchte Bilfinger einen Rekordverlust und strich die Dividende. Nun sollen wieder üppige Ausschüttungen fließen und zudem Aktien zurückgekauft werden.

Schleudersitz Chefsessel

Der Chefsessel war ein Schleudersitz: Eine Gewinnwarnungsserie hatte Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch 2014 den Chefposten gekostet. Viele Hoffnungen hatten auf ihm geruht. 2011 hatte er das Ruder in Mannheim übernommen und ließ kaum einen Stein auf dem anderen. Doch die Zahlen sahen schlecht aus. Sein Vorgänger und Nachfolger Herbert Bodner hatte als Interimschef nur einen Kurzauftritt. Dann kam Per Utnegaard. Doch er ging nach nicht einmal einem Jahr Ende April 2016 wieder. Nach ihm war Finanzchef Axel Salzmann übergangsweise am Ruder. Seit Juli führt Blades den Konzern. Die ebenfalls vorgelegten noch immer eher trüben Zahlen für 2016 waren eher eine Nebensache.

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