Arbeitswissenschaftler warnen vor längerer Arbeitszeit

13.09.2005
(dpa) - Arbeitswissenschaftler haben vor einer Ausweitung der Arbeitszeiten gewarnt. Vollzeitbeschäftigte hätten zuletzt in Deutschland durchschnittlich 1756 Stunden im Jahr gearbeitet und damit 99 Stunden über Tarif. In der EU liege Deutschland damit im Mittelfeld und sei nicht das gepriesene Freizeitparadies, berichtete das Institut für Arbeit und Technik (IAT) über eine am Montag vorgestellt internationale Arbeitszeitstudie. «Angesichts dieser Zahlen sind Arbeitszeitverlängerungen kein sinnvolles Rezept, sondern eine Kriegsansage an die nachwachsende Generation», sagte IAT-Vizepräsident Prof. Gerhard Bosch. Kürzere Jahresarbeitszeiten als in Deutschland gibt es in den Niederlanden (1712), den skandinavischen Ländern, Italien und Frankreich, an längsten müssen die Briten (1937) arbeiten. Die tatsächliche Arbeitszeit habe sich seit Mitte der 90er Jahre von den vereinbarten Arbeitszeiten abgekoppelt und sei gestiegen. «Dies liegt an einem hohen Niveau von bezahlten, zunehmend aber auch unbezahlten Überstunden, an nicht genommenem Urlaub, sinkendem Krankenstand und auf Arbeitszeitkonten angesparten Zeitguthaben», betonte IAT-Wissenschaftler Sebastian Schief. Die Forderung nach Arbeitszeitverlängerung mache keinen Sinn. Bis über 2015 hinaus komme eine steigende Anzahl Jugendlicher in den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig sollen mit Beendigung der Vorruhestandspolitik und Erhöhung des Renteneintrittsalters bis 2010 mehr 55- bis 64-Jährige als heute beschäftigt werden. Die Dauer der Arbeitszeit sei zudem kein hinreichender Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Die Reallöhne seien im vergangenen Jahrzehnt im Unterschied zu den meisten anderen Industrieländern gesunken. Durch die gewerkschaftliche Politik der Lohnzurückhaltung habe sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erheblich verbessert, so dass Deutschland im internationalen Vergleich kein Lohnproblem habe. In Ländern mit kürzeren Arbeitszeiten, darunter auch Deutschland, liege zudem auf Grund einer effizienteren Arbeitsorganisation, längeren Maschinenlaufzeiten und höherer Stundenleistung die Stundenproduktivität höher als in Ländern mit längeren Arbeitszeiten. In einer von der Öffentlichkeit kaum beachteten «stillen Revolution» seien die Arbeitszeiten in Deutschland auch flexibler als in den meisten anderen europäischen Ländern geworden.

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