15.10.2020 - Europäische Kommission

Giftige Chemikalien sollen aus dem Alltag verschwinden

Vom Waschmittel bis zur Outdoor-Jacke: In Europa werden Zehntausende Chemikalien genutzt - die schädlichsten Chemikalien will die EU-Kommission vom Markt bekommen

(dpa) Schädliche Chemikalien sollen in Europa aus Alltagsprodukten wie Spielzeug, Kosmetik, Waschmittel oder Textilien verbannt werden. Dies ist Teil der neuen Chemikalienstrategie, die die EU-Kommission am Mittwoch vorstellte. Ziel ist, die Verwendung aller Chemikalien sicherer zu machen und langfristige negative Folgen zu vermeiden. Am Ende soll eine «Umwelt ohne Gift» stehen.

«Chemikalien gehören zum täglichen Leben, und sie machen es möglich, innovative Lösungen für eine grünere Wirtschaft zu entwickeln», sagte Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans. «Aber wir müssen sicherstellen, dass Chemikalien so produziert und genutzt werden, dass sie der menschlichen Gesundheit und der Umwelt nicht schaden.»

Europa war 2018 der zweitgrößte Hersteller von Chemieprodukten weltweit mit einem Marktanteil von 16,9 Prozent. Die Branche beschäftigt in der EU 1,2 Millionen Menschen und ist zentraler Zulieferer für das Gesundheitswesen, Bau, Autobranche, Elektronik- und Textilindustrie. Auf dem Markt sind nach Angaben von Umweltexperten bis zu 100 000 Chemikalien, von denen die meisten in bestimmten Konzentrationen oder Formen auch schädlich sein können.

Ins Visier nimmt die EU-Kommission nun vor allem Stoffe, die das Hormonsystem und damit die Fruchtbarkeit stören, sogenannte endokryne Disruptoren. Hinzu kommen Chemikalien, die Immunsystem oder Atemwege schädigen können, und sogenannte PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen), die über lange Zeit im Körper und in der Umwelt anreichern und in Krebsverdacht stehen. Solche Stoffe sollen nicht mehr verwendet werden, sofern dies nicht «für das Allgemeinwohl unverzichtbar» ist. Aus Alltagsprodukten sollen sie verschwinden.

Insgesamt setzt die Strategie auf Neuentwicklung von Chemikalien, die von der Produktion über die Nutzung bis zur Entsorgung keinen Schaden anrichten. Dafür will sie zusammen mit der Industrie Kriterien entwickeln und verspricht auch Finanzhilfen, unter anderem aus dem Corona-Aufbauprogramm. Mit umwelt- und gesundheitsverträglichen Produkten hätten EU-Firmen einen Wettbewerbsvorteil in der Welt, argumentierte Timmermans.

Der Verband der Chemischen Industrie in Deutschland pocht auf Mitsprache an einem von der Kommission geplanten Runden Tisch. «Wir erwarten uns hier einen konstruktiven und ergebnisoffenen Dialog, bevor konkrete Vorschläge zur Änderung von Vorschriften gemacht werden», erklärte Gerd Romanowski, VCI-Geschäftsführer Technik und Umwelt. Wichtig für die Branche sei vor allem Planungssicherheit. «Dann können unsere Unternehmen mit ihren Produkten die Umsetzung der ambitionierten Ziele des Green Deals bestmöglich unterstützen.»

Die deutschen Wasserversorger begrüßten die Pläne der EU-Kommission. «Alle Chemikalien, die wir in Verkehr bringen und nutzen, tauchen irgendwann in der Umwelt und auch in unseren Wasserressourcen wieder auf», warnte der Verband kommunaler Unternehmen. Es sei richtig, dies nach dem Verursacherprinzip schon an der Quelle zu vermeiden.

Die EU hat bereits seit 2007 ein umfassendes System zur Registrierung von Chemikalien, genannt REACH. Es soll nun nachgesteuert und besser durchgesetzt werden. Bisher habe nur ein Drittel der registrierten Stoffe die geforderte vollständige Dokumentation. Künftig soll es ohne die vollständigen Daten keinen Marktzugang geben.

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