64% des deutschen Kunststoffmülls werden verbrannt statt recycelt

Neue VDI-Richtlinie soll Begriffe, Verfahren und Qualitätsstandards entlang der Wertschöpfungskette vereinheitlichen

22.09.2026
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Symbolbild

Kunststoffe sind ein selbstverständlicher Teil unseres Lebens: unsere Kleidung besteht aus Kunstfasern, unsere Haushaltsgeräte haben Gehäuse aus Kunststoffen und unsere Lebensmittel und Hygieneprodukte sind in Plastik verpackt. Und wenn wir diese Dinge nicht mehr brauchen, landen sie oft in Müllverbrennungsanlagen oder in Flüssen.

660 t Plastikmüll jährlich vom Rhein in die Nordsee

So wurden 2023 in Deutschland von 5,58 Mio. t Kunststoffabfällen, die aus Haushalten (Post-Consumer-Abfälle) eingesammelt wurden, 64 % energetisch verwertet, also verbrannt [1]. Bis zu 660 t Plastikmüll gelangen jährlich allein über den Rhein in die Nordsee [2].

Kunststoffe können gut im Kreislauf geführt werden, es könnten daher viel größere Mengen recycelt werden, als bisher. Dazu müssen Produkte aus Kunststoff so gestaltet werden, dass sie lange halten, wieder verwendet und einfach repariert werden können. Wenn sie ihr Gebrauchsende erreichen, braucht es intelligente Lösungen, um Kunststoffabfälle möglichst vollständig einzusammeln und dem Recycling zuzuführen. So können daraus neue Produkte entstehen.

Potenzial von Recyclingkunststoff längst nicht ausgeschöpft

Technisch können gerade hochwertige Kunststoffrezyklate heute erfolgreich in neuen Produkten eingesetzt werden – vom Schulmalkasten über Babyflaschen bis hin zu Elektrowerkzeugen. Die aktuell verfügbaren Recyclingtechnologien sind ausgereift, doch durch mangelnde Verzahnung von Produktentwicklung, Produktion und Recycling sowie uneinheitliche rechtliche und technische Rahmenbedingungen wird das Potenzial des möglichen Recyclingmaterialeinsatzes bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Gerade einmal 35 % der eingesammelten Post-Consumer Kunststoffabfällen wurde 2023 in Deutschland recycelt. Und während 8,82 Mio. t Kunststoffe in Deutschland aus fossilen Rohstoffen neu produziert wurden, wurden nur 2,01 Mio. t Kunsstoffrezyklat hergestellt. [1]

VDI-Richtlinie 4095 E soll Kreislaufwirtschaft und Recycling von Kunststoffen voranbringen

Die neue VDI-Richtlinie 4095 E „Bewertung von Kunststoffen in der Kreislaufwirtschaft“ möchte einen Beitrag dazu leisten, die Kreislaufwirtschaft und das Recycling von Kunststoffen in Deutschland voranzubringen. Dazu bündelt sie die wesentlichen Begriffe, rechtlichen Grundlagen, Recyclingverfahren und Bewertungsmethoden für Kunststoffe in der Kreislaufwirtschaft und schafft damit eine gemeinsame Sprache für alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette. Ziel ist es, den Einsatz hochwertiger Rezyklate zu erleichtern, Planungs- und Investitionssicherheit zu erhöhen und den Übergang von einzelnen Pilotprojekten zu einer industriell etablierten Kreislaufwirtschaft zu beschleunigen. Die Standardisierung von Wissen, Prozessen und Qualitätsanforderungen ermöglicht eine dauerhafte Nutzung von Kunststoffen im Wirtschaftskreislauf.

Kunststoffrecycling verringert Importabhängigkeit

Kunststoffe über mehrere Lebenszyklen im Kreis zu führen ist dabei nicht nur eine Frage des Umweltschutzes, sondern auch der Wettbewerbsfähigkeit und geopolitischer Souveränität. Der weitaus überwiegende Teil der Kunststoffneuware wird aus Erdöl gewonnen. Da Deutschland keine nennenswerten eigenen Vorkommen hat, ist es für die Nutzung von Kunststoffen auf Importe angewiesen und damit von den großen Öl-exportierenden Ländern und funktionierenden Lieferketten abhängig. Im Falle von globalen Krisen schlagen sich gestiegen Preise direkt auf die deutsche Wirtschaft durch. So ist im Falle des Irankrieges und der Schließung der Straße von Hormus der Preis für neu hergestelltes LDPE, eine Art von Polyethylen von Januar bis Mai 2026 um 72 % gestiegen. Der Preis für rezykliertes LDPE dafür nur um 8 %. [3] Da Regranulate in regionalen Stoffkreisläufe eingebunden sind, ist ihr Preis weitaus weniger abhängig von globalen Schwankungen. Ein Problem für die deutsche Recyclingindustrie ist stattdessen, genug hochwertigen Input zu bekommen.

Die Richtlinie VDI 4095 E „Bewertung von Kunststoffen in der Kreislaufwirtschaft“ ist im September 2026 als Entwurf erschienen. Einsprüche zum Entwurf sind bis zum 28.02.2027 möglich.

[1] Conversio Market & Strategy GmbH (2024) Stoffstrombild Kunststoffe in Deutschland 2023 - Verbandsstudie.

[2] Gnann, N., Höreth, K., Schweigert, N. et al. The river Rhine transports around 4,000 tonnes of macrolitter towards the North Sea each year. Commun. Sustain. 1, 5 (2026). https://doi.org/10.1038/s44458-025-00007-5

[3] https://www.k-zeitung.de/rohstoffpreise-kunststoffe-marktbericht (abgerufen 11.08.2026)

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