06.08.2020 - dpa Deutsche Presseagentur GmbH

Ammoniumnitrat: Tödliche Unfälle und Anschläge mit der Chemikalie

Detonation in Beirut steht nach unterschiedlichen Berichten in Verbindung mit dieser Substanz

(dpa) Die Chemikalie Ammoniumnitrat soll im Hafen von Beirut jahrelang in großen Mengen und ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert worden sein. Die Detonation vom Dienstag steht nach unterschiedlichen Berichten in Verbindung mit dieser Substanz. Eine Untersuchungskommission soll bis zur kommenden Woche einen ersten Bericht vorlegen. Ammoniumnitrat wird heute vor allem als Düngemittel verwendet. Beim Erhitzen können die durchsichtigen und farblosen Kristalle explodieren, weshalb der Umgang in Deutschland durch das Sprengstoffgesetz geregelt ist.

Bis zum Zweiten Weltkrieg basierten auch viele Sprengstoffe auf der Substanz. Sie führte schon mehrfach zu tödlichen Explosionen und wurde auch bei Anschlägen eingesetzt. Ein Überblick:

2012 - Im Dezember wird auf einem Bahnsteig des Bonner Hauptbahnhofs eine blaue Sporttasche entdeckt. Sie enthält eine Rohrbombe mit einem Gemisch aus Ammoniumnitrat und Nitromethan. Später zeigt sich, dass sie gezündet wurde, aber nicht detonierte. Durch glückliche Umstände kommt es nicht zum Terroranschlag. Der mutmaßlich islamistische Bombenleger Marco G. wird zu lebenslanger Haft verurteilt.

2004 - Im Bahnhof von Ryongchon in Nordkorea nahe der chinesischen Grenze kollidieren ein Tankwagen und zwei mit Ammoniumnitrat beladene Zugwaggons. Ein Funkenschlag löst eine Explosion aus. Mindestens 169 Menschen sterben, darunter viele Kinder. 1300 Menschen werden verletzt, Tausende Häuser zerstört oder beschädigt.

2001 - Nach einer fatalen Kettenreaktion kommt es in einer Düngemittel-Fabrik bei Toulouse in Südfrankreich zu einer verheerenden Explosion: 31 Menschen sterben, 2500 werden verletzt, Tausende Gebäude zerstört oder beschädigt.

1995 - Bei einem Anschlag am 19. April 1995, dem bis dahin folgenschwersten Attentat in den USA, explodiert vor einem Regierungsgebäude in Oklahoma-City ein Kleinlastwagen mit einer Mischung aus Dieselkraftstoff und Ammoniumnitrat. Die Detonation tötet 168 Menschen, darunter viele Kinder. Attentäter ist der Golfkriegsveteran Timothy McVeigh.

1947 - Der französische Frachter «Grandcamp» mit 2300 Tonnen Ammoniumnitrat-Düngemittel an Bord explodiert im Hafen von Texas City in den USA. Das Feuer greift auf die Stadt über. Mindestens 510 Menschen kommen ums Leben, Tausende werden verletzt. Im selben Jahr explodiert im Hafen im französischen Brest der mit Ammoniumnitrat beladene Frachter «Ocean Liberty». 21 Menschen kommen ums Leben.

1921 - Am 21. September 1921 explodiert auf dem BASF-Werksgelände in Oppau bei Ludwigshafen ein Düngemittel-Silo. 561 Menschen kommen ums Leben, fast 2000 werden verletzt. Das Chemiewerk ist ein einziges Trümmerfeld, auch von den damals etwa 1000 Wohnhäusern in Oppau sind 800 komplett zerstört oder unbewohnbar. Am Werk waren 4500 Tonnen Ammoniaksulfatsalpeter explodiert, das auch Ammoniumnitrat enthält. Der Vorfall gilt als eines der schwersten Industrieunglücke Europas.

Fakten, Hintergründe, Dossiers
  • Ammoniumnitrat
  • Düngemittel
  • Sprengstoffe
  • Chemieunfälle