16.05.2022 - Umweltbundesamt (UBA)

Wie gefährlich sind Chemikalien, die wir alltäglich verwenden und mit denen wir in Kontakt kommen?

EU-Forschungspartnerschaft zur Risikobewertung von Chemikalien: 400 Millionen Euro für Projekte zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt

Neue Wege bei der Bewertung von chemischen Stoffen geht die am 11. Mai 2022 in Paris ins Leben gerufene „PARC“-Initiative der Europäischen Union (EU). „PARC“ steht für „European Partnership for the Assessment of Risks from Chemicals“ („Europäische Partnerschaft für die Bewertung von Risiken durch Chemikalien“). Ziel ist, das Wissen um chemische Substanzen zu verbessern, um so die Gesundheit der Menschen und die Umwelt besser zu schützen. Das Programm hat ein Fördervolumen von insgesamt 400 Millionen € für die nächsten sieben Jahre. Von deutscher Seite führend beteiligt sind das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Umweltbundesamt (UBA).

„PARC ist das größte Projekt seiner Art und ein wissenschaftlicher und regulatorischer Meilenstein in Europa“, sagt Dr. Tewes Tralau, Leiter der Abteilung „Sicherheit von Pestiziden“ am ⁠BfR⁠. „Gemeinsam mit seinen Partnern will das BfR das hohe Schutzniveau für Mensch und Umwelt auf ein neues Niveau heben.“ Dr. Lilian Busse, Vizepräsidentin des ⁠UBA⁠: „Wir hoffen dadurch dem EU-Ziel einer schadstofffreien Umwelt einen großen Schritt näher zu kommen, und so maßgeblich zu einer nachhaltigen Entwicklung in Deutschland und Europa beizutragen.“

200 Institutionen aus 28 Ländern und drei EU-Behörden sind an PARC beteiligt. Koordiniert wird die Partnerschaft von ANSES, der französischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, Umweltschutz und Arbeitsschutz. Es soll die Chemikalienstrategie der EU und den „Europäischen Green Deal“ unterstützen, dessen Ziel eine deutliche Minderung von gesundheitsschädlichen Stoffen ist. Finanziert wird PARC zu einer Hälfte durch die EU aus Mitteln von Horizont Europa, dem Europäischen Rahmenprogramm für Forschung und Innovation. Die andere Hälfte bringen die jeweiligen Partnerländer auf. Das BfR leitet im Rahmen von PARC das Arbeitspaket Toxikologie. Das UBA leitet das Arbeitspaket „Monitoring und Belastung“.

Ein wesentliches Ziel von PARC ist es, die europäische Zusammenarbeit zu fördern, die Forschung voranzubringen, das Wissen um die Risikobewertung von Chemikalien zu erweitern und die entsprechenden methodischen Fertigkeiten zu schulen. Die Ergebnisse sollen helfen, europäische und nationale Strategien auf den Weg zu bringen, mit denen das Risiko durch gefährliche chemische Stoffe für Gesundheit und Umwelt reduziert wird. Sie werden außerdem dazu beitragen, Tierversuche zu verringern und Risikobewertungsstrategien der nächsten Generation zu verwirklichen.

PARC basiert auf den Strukturen und Erkenntnissen früherer Vorhaben, unter anderem „European Human Biomonitoring Initiative“ (HBM4EU), die Flagschiff-Maßnahme „Mechanism-based Toxicity Testing and Risk Assessment for the 21st Century“ (EU-ToxRisk), dem „Animal-free Safety Assessment of Chemicals“ (ASPIS)-Cluster und dem „European Cluster to Improve Identification of Endocrine Disruptors“ (EURION).

Das PARC-Programm verfolgt drei Hauptziele:

  • Weiterentwicklung eines EU-weiten, fächerübergreifenden Netzwerkes – mit dessen Hilfe sollen Forschung und Innovation in der Chemikalienbewertung gefördert werden und deren Ergebnisse in die Regulierung von Chemikalien Eingang finden
  • Initiierung gemeinsamer EU-Forschungsprojekte bei dringlichen Themen – auf diese Weise soll die Risikobewertung unterstützt und auf neue Herausforderungen reagiert werden
  • Stärkung bereits existierender Forschungskapazitäten – zugleich sollen EU-weite, fächerübergreifende Plattformen aufgebaut werden, um der Risikobewertung von Chemikalien neue Impulse zu geben

Im vom BfR verantworteten Arbeitspaket geht es um folgende Ziele:

  • Verbesserung des gesundheitlichen Verbraucherschutzes durch das Schließen von Datenlücken für die Risikobewertung von möglicherweise gefährlichen Stoffen
  • Entwicklung und Verbesserung innovativer und prädiktiver Methoden, die unmittelbar zur Identifizierung chemischer Gefahren, zur Risikobewertung und zur Regulierung dieser Stoffe beitragen
  • Verbesserung von Risikobewertungskonzepten zum Schutz der Gesundheit und der Umwelt
  • Weiterentwicklung von Methoden, die alternativ zum Tierversuch eingesetzt werden können
  • Aufbau eines europaweiten Netzwerks von Toxikologinnen und Toxikologen als Beitrag zu einem einheitlichen Vorgehen bei der Risikobewertung von Chemikalien in Europa

Zudem engagiert sich das BfR im Arbeitspaket „A common science-policy agenda“ („Ein gemeinsamer wissenschaftspolitischer Arbeitsplan“). Es wird die entscheidende Grundlage dafür schaffen, dass die in PARC erzielten Ergebnisse in die Arbeit der regulierenden Behörden in Europa Eingang finden.

Im vom UBA verantworteten Arbeitspaket geht es um folgende Ziele:

  • Etablierung eines EU-weiten, nachhaltigen Human-Biomonitorings u. a. in Fortführung der HBM4EU-Arbeiten
  • Integration der Betrachtung von Umwelt- und Gesundheitsbelastung im Sinne des Ansatzes der planetaren Gesundheit
  • Weiterentwicklung bestehender Monitoringprogramme zur Berücksichtigung weiterer Stoffgruppen und Mischungen
  • Systematische Etablierung von Monitoringergebnissen als Instrument für die erstmalige oder erneute Zulassung gefährlicher Stoffe
  • Entwicklung von innovativen analytischen Methoden, um Schadstoffe in geringen Konzentrationen aufzuspüren

Darüber hinaus ist das UBA u. a. aktiv im Arbeitspaket „Innovation in Regulatory Risk Assessment“ („Innovationen in der regulatorischen Risikobewertung“). Hier sollen neue innovative Konzepte erarbeitet werden, um die bestehenden Bewertungs- und Wissenslücken zu schließen, um so die Regulation von Chemikalien insgesamt zu verbessern und sicherer zu machen.

Fakten, Hintergründe, Dossiers
  • Human-Biomonitoring
Mehr über Umweltbundesamt
Mehr über BfR
  • News

    Industriechemikalien PFAS: Einige Bevölkerungsgruppen überschreiten teilweise den gesundheitsbasierten Richtwert

    Einige Bevölkerungsgruppen in Deutschland überschreiten mit ihrer Ernährung den gesundheitsbasierten Richtwert für bestimmte industriell hergestellte per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS). Dies ist das Ergebnis einer Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). „PFA ... mehr

    Angst vor Coronavirus sinkt

    Seit Monaten versetzt das neuartige Coronavirus die Welt in Angst und Sorge. Doch zeichnet sich in Deutschland anscheinend eine Trendwende ab. Das ergab der „BfR-Corona-Monitor“, eine regelmäßige Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Während in der Vorwoche noch 40 Prozent ... mehr

    Effizientere Risikobewertung von Nanomaterialien

    Die Nanotechnologie boomt. Doch die Risikobewertung dieser winzigen Partikel ist aufwendig und stellt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor große Herausforderungen. Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) haben nun in Kooperation mit Wissenschaftlern des BfR nac ... mehr

  • Videos

    Mehrfachrückstände von Pflanzenschutzmitteln

    Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel, beantwortet Verbraucherfragen zu Mehrfachrückständen von Pflanzenschutzmitteln. mehr

  • Forschungsinstitute

    Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)

    „Risiken erkennen - Gesundheit schützen“ - so hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) seine Arbeit für den gesundheitlichen Verbraucherschutz überschrieben. Das Institut wurde im November 2002 errichtet, um den gesundheitlichen Verbraucherschutz zu stärken. Es ist die wissenschaft ... mehr

  • q&more Artikel

    Geliehene Gene

    Seit dem EHEC O104 Ausbruch, der im Sommer 2011 in Deutschland über­raschend auftrat und 4000 Menschen zum großen Teil sehr schwer erkrankten, sind durch Lebensmittel übertragbare E. coli-Infektionen mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Woher kommen diese Krankheitserreger und wie ent ... mehr

  • Autoren

    Dr. Lothar Beutin

    Lothar Beutin, Jg. 1951, studierte Biologie an der Freien Universität (FU) Berlin. Seine ­Diplom- und Promotionsarbeit fertigte er am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik (Berlin) zur Genetik der Konjugation bei Escherichia coli an. Die Promotion erfolgte 1979 an der FU Berlin. Nach e ... mehr