Dr. Christoph Gürtler (VAA): Deutschlands größter Standortvorteil sind die Fachkräfte
"Der Standort Deutschland ist viel besser, als er in der öffentlichen Diskussion oft dargestellt wird"
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Die Chemie- und Pharmaindustrie ist die drittstärkste Branche unserer Wirtschaft. Sie liefert die Grundstoffe für unzählige Produkte und Anwendungen unseres täglichen Lebens - von Arzneimitteln und Kunststoffen bis hin zu Spezialchemikalien für die Elektronik. Doch die Zukunft der chemischen Industrie in Deutschland und Europa steckt in großen Herausforderungen: Hohe Energiepreise, komplexe Genehmigungsverfahren und zunehmender internationaler Wettbewerbsdruck belasten unsere Unternehmen. Da andere Regionen von oftmals intransparenten und hohen staatlichen Subventionen profitieren, sind faire Wettbewerbsbedingungen auf dem Weltmarkt notwendig.
Um die industrielle Basis in Deutschland langfristig zu sichern, braucht die Industrie verlässliche Rahmenbedingungen, ausreichend Fachkräfte und wirksame handelspolitische Schutzinstrumente bei nachgewiesenen Wettbewerbsverzerrungen. Es geht um nichts weniger als die Zukunftsfähigkeit unserer Industrie - in der über 500.000 Mitarbeitende beschäftigt sind.
Dr. Christoph Gürtler ist 2. Vorsitzender des Verbandes Fach- und Führungskräfte Chemie & Pharma (VAA). Der Standort Deutschland für die chemische Industrie ist stark - doch intransparenter und verzerrter Wettbewerb setzt der heimischen Chemieindustrie stark zu.
Herr Dr. Gürtler, wir erleben ja gerade eine geopolitische Neuordnung bei sich gleichzeitig rapide verändernden Klimabedingungen. Warum müssen wir auf diese beiden Krisen reagieren?
Das neue Stichwort heißt Resilienz auf mehreren Ebenen. Die geopolitischen Veränderungen zeigen eindrücklich, welche massiven Auswirkungen Störungen wichtiger Handelsrouten auf die Versorgungssicherheit Europas haben. Klimaanpassungsfolgen und das Megathema Künstliche Intelligenz sind dabei noch gar nicht inkludiert.
Wir sollten deshalb dafür sorgen, dass wichtige Chemikalien auch in Europa hergestellt werden können. Dafür brauchen wir auch gut ausgebildete und vorbereitete Fach- und Führungskräfte, die unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleiben. Resilienz bedeutet deshalb nicht nur sichere Lieferketten, sondern auch Menschen, die Veränderungen bewältigen können.
Zusätzlich verzerren einige Großmächte den globalen Wettbewerb massiv zum Nachteil der hiesigen Industrie. Was fordern Sie, um wieder faire Wettbewerbsbedingungen herzustellen?
Die Kosten asiatischer Importe müssen transparent und nachvollziehbar sein. Es muss sichergestellt werden, dass Produkte nicht durch versteckte staatliche Subventionen einen unfairen Wettbewerbsvorteil gegenüber europäischen Unternehmen erhalten. Wir brauchen ein echtes Level Playing Field. Dafür müssen sich tatsächlich alle Beteiligten lautstark einsetzen: EU-Kommission und Parlament, Unternehmensverbände, Gewerkschaften, Sozialpartner und Bundesregierung.
Denn nur wenn Politik, Wirtschaft und Arbeitnehmervertreter gemeinsam handeln, können wir faire Wettbewerbsbedingungen sichern und hochwertige Arbeitsplätze in Deutschland und Europa erhalten.
Die Chemieindustrie kann nicht dekarbonisiert werden, sie muss defossilisiert werden. Was bedeutet das konkret?
Die chemische Industrie muss ihre Produktion nachhaltig transformieren und fossile Energieträger und Rohstoffe schrittweise durch klimafreundliche Alternativen ersetzen, also defossilisieren. Dafür müssen Scope-1- und -2-Emissionen möglichst schnell reduziert werden, vor allem durch erneuerbare Energien. Langfristig gilt dies auch für Scope-3-Emissionen. Hier spielen vor allem alternative Rohstoffe und eine funktionierende Kreislaufwirtschaft eine gewichtige Rolle.
Abfallwirtschaft, Regulierung, Landwirtschaft und Biotech sind europäische Stärken. Wo steckt das größte ungenutzte Potenzial?
Überall stecken Potenziale, aber ich möchte den Blick ergänzend auf die Regulierung von KI auf europäischer Ebene lenken! Viele führende KI-Köpfe fragen sich ja gerade, wohin sich die künstliche Intelligenz entwickeln könnte und wie gefährlich diese Entwicklung ist. Europa hat als bisher einziger Kontinent in weiser Voraussicht den einheitlich geltenden EU AI-Act auf den Weg gebracht - das ist wirklich sehr gut. Doch jetzt brauchen wir Fach-und Führungskräfte, die KI inhaltlich vernünftig und ethisch korrekt nutzen können. Das ist ein riesiger Asset!
Wie beurteilen Sie den Standort Deutschland?
Der Standort Deutschland ist viel besser, als er in der öffentlichen Diskussion oft dargestellt wird! Auch wenn man unnötige Regulierung streichen, Energiepreise senken, Genehmigungen beschleunigen, die Rahmenbedingungen für Start-ups verbessern und die Transformation beschleunigen könnte - lassen Sie uns optimistisch nach vorne schauen! Deutschlands wichtigste Stärke sind die Menschen. Bildung und Ausbildung werden im internationalen Vergleich weiterhin als sehr gut bewertet. Das ermöglicht gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte.