10.10.2016 - Ruhr-Universität Bochum (RUB)

Wie Lösungsmittelmoleküle bei Reaktionen kooperieren

Das Lösungsmittel ist weit mehr als nur die Umgebung, in der eine chemische Reaktion stattfindet. Neue Erkenntnisse zur Rolle von Lösungsmittelmolekülen liefert eine aktuelle Studie.

Auf den ersten Blick scheinbar unbeteiligte Moleküle aus der Lösungsmittelumgebung können essenziell für chemische Reaktionen sein. Das haben Forscher anhand der Ether-Bildung in einem Lösungsmittelgemisch gezeigt. Sie klärten die zugrunde liegenden Mechanismen mit modernsten spektroskopischen und theoretischen Verfahren im Detail auf. Das Fazit: Auch solche Lösungsmittelmoleküle, die an der Reaktion nicht direkt teilnehmen, sind für den Reaktionsverlauf essenziell und können die Reaktionspartner maßgeblich beeinflussen.

Die Ergebnisse beschreibt ein Team von experimentell und theoretisch arbeitenden Chemikern der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Würzburg und des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr in der Zeitschrift „Nature Communications“.

Licht schaltet Reaktionsfreude an

Aus einer reaktionsträgen chemischen Vorläuferverbindung kann durch einen Lichtblitz ein hochreaktives Molekül entstehen, das selbst mit umgebenden Lösungsmittelmolekülen reagiert. Das kann in weniger als einer Milliardstel Sekunde geschehen. Ein Beispiel ist das Molekül Diphenylcarben: Es reagiert schnell zu einem Ether, wenn es im Lösungsmittel Methanol vorliegt. Mit dem Lösungsmittel Acetonitril hingegen ist diese Reaktion nicht möglich.

Die Forscher um Dr. Elsa Sanchez-Garcia und Prof. Dr. Patrick Nürnberger untersuchten, was passiert, wenn Diphenylcarben in einem Lösungsmittelgemisch aus Methanol und Acetonitril vorliegt. Die Bildung des Ethers geht langsamer vonstatten als in reinem Methanol; auch die Ausbeute ist geringer. Warum zeigten die Forscher in der aktuellen Studie.

Zweites Lösungsmittelmolekül entscheidend

Eine potenzielle Erklärung wäre, dass Diphenylcarben in dem Lösungsmittelgemisch länger warten muss, bis ein Methanolmolekül in der Nähe ist, um mit ihm zu reagieren. „Die Reaktion läuft aber nicht so simpel, wie auf den ersten Blick angenommen“, sagt Patrick Nürnberger vom Bochumer Lehrstuhl für Physikalische Chemie II. „Es sind mehrere Mechanismen am Werk.“

Obwohl für die Bildung des finalen Ethermoleküls formal nur ein einziges Methanolmolekül benötigt wird, erfolgt die Reaktion erst dann, wenn ein zweites Methanolmolekül zugegen ist. Das ergab eine Kombination von ultraschnellen spektroskopischen Experimenten im Femtosekundenbereich und molekulardynamischen Computersimulationen.

Nicht nur unbeteiligte Zuschauer

Die Chemiker beschreiben im Detail die Reaktionsmechanismen für zwei Szenarien: In einem trifft Diphenylcarben zunächst auf ein einzelnes Methanolmolekül, und später kommt ein weiteres hinzu. Im zweiten Szenario trifft Diphenylcarben direkt auf einen Verbund von Methanolmolekülen.

In beiden Fällen zeigt sich, dass ein einzelnes Methanolmolekül für das Zustandekommen der Reaktion nicht ausreicht. „Die anderen Methanolmoleküle sind daher nicht nur unbeteiligte Zuschauer, sondern Gehilfen bei der Reaktion“, fasst Nürnberger zusammen. „Die Ergebnisse sind ein wichtiger Baustein, um die Wechselwirkung von reaktiven Substanzen mit der Lösungsmittelumgebung zu verstehen.“

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    Kevin Wonner

    Kevin Wonner, Jahrgang 1995, studierte Chemie mit dem Schwerpunkt der elektrochemischen Untersuchung von Nanopartikeln an der Ruhr-Universität Bochum und ist seit 2018 Doktorand am Lehrstuhl für Analytische Chemie II von Prof. Dr. Kristina Tschulik im Rahmen des Graduiertenkollegs 2376. Er ... mehr

    Mathies V. Evers

    Mathies Evers, Jahrgang 1989, studierte Chemie an der Ruhr-Universität Bochum, wo er an der Synthese atompräziser molekularer Cluster forschte. Nach seinem Masterabschluss begann er seine Doktorarbeit am Lehrstuhl für Analytische Chemie II von Prof. Dr. Kristina Tschulik und wird durch den ... mehr

    Prof. Dr. Kristina Tschulik

    Kristina Tschulik promovierte im Jahr 2012 an der TU Dresden und arbeitete als Postdoktorandin am Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden sowie an der Universität Oxford. Danach baute sie gefördert durch ein NRW-Rückkehrprogramm die Arbeitsgruppe für „Elektrochemie u ... mehr