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Auto fahren, ohne sich als Klimasünder zu fühlen?

Großes Potenzial, triste Realität: Wasserstoffautos sind kaum gefragt

21.06.2019

(dpa) Vor dem Parkplatz einer schwedischen Möbelhauskette blitzen ein weißes Dach und eine weiße Zapfsäule zwischen der Hecke hervor. Vor ihr aufgereiht steht alles, was der Markt für Wasserstoffautos derzeit zu bieten hat: Ein Toyota, ein Hyundai und ein Mercedes. Auf dem Display der Zapfsäule steht 29,07 Euro. So viel kosten drei Kilogramm Wasserstoff (H2). Das ist etwa die Hälfte, die ein Tank fasst.

Der Gasehersteller Air Liquide hat am Dienstag seine zweite Wasserstofftankstelle in Düsseldorf eröffnet. Die Franzosen bewerben Wasserstoffautos wie eine Art Schlaraffenland in Sachen Mobilität: Man sei sauber und ohne Ausstoß von CO2-Emissionen oder Schadstoffen unterwegs - «bei gewohnt hoher Reichweite und einer Betankungszeit von wenigen Minuten». Doch Umweltexperten sind nicht begeistert. Zudem gibt es ein großes Problem: Das Tankstationen-Netz in Deutschland hat große Löcher.

Dennoch: Unstrittig ist, dass die Brennstoffzelle Potenzial hat - und dies in gewissen Bereichen bereits entfaltet: In U-Booten wird sie beispielsweise schon seit Jahrzehnten eingesetzt. Ihre Umweltbilanz ist laut Air Liquide positiv. Wasserstoff wird in der Reaktion mit Sauerstoff zu Wasserdampf und Strom gewandelt. Doch im Moment kommt dieser Strom aus nicht erneuerbaren Energien. «Man muss fairerweise sagen, dass der Wasserstoff über Erdgasspaltung produziert wird», erklärt Air-Liquide-Deutschland-Chef, Gille Le Van.

Ob H2-Autos auf lange Sicht für den Pkw-Massenmarkt taugen, wird bezweifelt. «Wir müssen ja irgendwann mal anfangen», entgegnet Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). «Wir forschen seit 20 Jahren an den Themen, und jetzt geht es darum, das in Serie zu bringen.» Im Vergleich zu konventionellen Elektroautos führen die Brennstoffzellen-Fahrzeuge eher einen Dornröschenschlaf. Gerade einmal 386 Wasserstofffahrzeuge sind in Deutschland laut Kraftfahrt-Bundesamt zugelassen. Bei einem Gesamt-Fahrzeugbestand von 64,8 Millionen ist das ein Anteil von gerade einmal 0,0006 Prozent. Beim Ökokonkurrenten E-Auto sind es immerhin 0,2 Prozent.

In dem H2-Nischenmarkt sind vor allem Asiaten präsent. Toyota hat weltweit nach eigenen Angaben knapp 10.000 solcher Fahrzeuge verkauft, davon knapp 200 in Deutschland. Und deutsche Autobauer? Daimler stieg schon in den 1990er Jahren ein und produzierte ab 2009 für einige Jahre rund 200 B-Klassen-Autos als H2-Version. 2018 brachten die Stuttgarter einen Geländewagen als Mischung aus Batterie-Stromer und Brennstoffzelle auf den Markt, auch dies in kleiner Stückzahl. Bei BMW und Audi ist die Brennstoffzelle ebenfalls Thema, sie wird aber nur erprobt - kaufen kann man dort derzeit kein solches Auto.

Doch warum ist der Wasserstoff-Anteil am deutschen Verkehrsmix fast unsichtbar? Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen zeigt auf die Geldbörse: Der Preis für so ein Auto sei «inakzeptabel». Grob gesagt kostet ein Wasserstoff-Pkw in Deutschland 70.000 bis 80.000 Euro, auch Leasingverträge sind nicht billig. Immerhin gibt es staatliche Förderung. Dennoch - das sei viel zu teuer, meint der Professor: «Das reine Wasserstoffauto ist für den Privatkunden derzeit außer Reichweite.» Ein Grund für die hohen Preise: Die Entwicklung ist teuer, und die verkauften Stückzahlen sind gering - erst bei hohen Stückzahlen würden die Kosten pro Fahrzeug sinken und der Preis käme etwas herunter.

Wenig Begeisterung ruft das Thema in Wolfsburg hervor. Die Brennstoffzelle werde bis Mitte der 2020er Jahre nicht «zu vertretbaren Preisen oder im industriellen Maßstab mit der nötigen Energieeffizienz verfügbar sein», sagte VW-Boss Herbert Diess im Mai auf der Hauptversammlung - Volkswagen setzt stattdessen auf das rein mit Batteriestrom betriebene E-Auto.

Auch Umweltexperten sehen Wasserstoff-Autos skeptisch. Florian Hacker vom Öko-Institut verweist auf den niedrigen Wirkungsgrad: Man brauche Strom, um aus Wasser Wasserstoff herzustellen, der dann in Gastanks gelagert und schließlich nach dem Tanken im Auto in Strom gewandelt wird - bei diesen Schritten verliere man Energie. «Nur 25 Prozent der ursprünglichen Energie führt in einem Brennstoffzellen-Fahrzeug zu Fortbewegung, der Rest geht verloren - bei batteriebetriebenen Elektroautos liegt der Wert etwa bei 70 Prozent.» Entsprechend höher sei der Strombedarf bei Brennstoffzellen-Autos, sagt er. «Man sollte die Brennstoffzelle weiter im Blick behalten, aber im Massenmarkt ist der Einsatz batteriebetriebener E-Autos sinnvoller.»

Ein Henne-Ei-Problem sieht der Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft: «Solange es nicht genug Nachfrage gibt, lohnt sich der Aufbau dieser Infrastruktur nicht richtig - und umgekehrt kaufen die Leute kein Brennstoffzellen-Fahrzeug, wenn die Infrastruktur nicht breit verfügbar ist.»

Eine Frage spielt auch die Sicherheit - spätestens seit einer Explosion in einer Wasserstofftankstelle in Norwegen vor kurzem. Daraufhin hatten Autobauer die Lieferung von Wasserstoffautos ausgesetzt. In Norwegen, aber auch in Deutschland waren Wasserstofftankstellen vorübergehend geschlossen worden. Experte Peter Fuß von der Beratungsgesellschaft EY beruhigt: «Der Sicherheitsstandard ist sehr hoch.» Die Industrie arbeite mit Hochdruck daran, noch mehr Sicherheit zu schaffen.

Fuß betont, die Brennstoffzelle könnte Zukunft haben im Verkehr: «Um emissionsfrei unterwegs zu sein, ist die Brennstoffzelle eine wichtige Schlüsseltechnologie.» Denn sie habe große Vorteile: Anders als klassische Elektroautos haben Brennstoffzellenautos eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern. Zudem gehe die Betankung viel schneller als das Laden einer Batterie - es dauere nur wenige Minuten.

Voraussetzung fürs schnelle Tanken ist aber, dass man überhaupt eine H2-Station findet. «Ungefähr 1000 H2-Tankstellen bundesweit sind nötig, damit Brennstoffzellenautos richtig interessant werden für den Verbraucher», sagt Fuß. In Nordrhein-Westfalen wurde nun die 16. eröffnet. Damit kann in Deutschland ab jetzt an 71 H2-Tankstellen getankt werden, bis 2020 sollen es 100 sein.

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